Hirnanschalter – Leseprobe

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Neuroleadership – einfach und doch kompliziert

Das Gehirn gilt als kompliziert und nur schwer begreifbar. Wann immer wir Wissenschaftler über das Gehirn reden hören, werden komplizierte Sachverhalte langatmig und detailverliebt erklärt. Man wird unwillkürlich an seine Schulzeit erinnert. An das eine Fach, in dem man zwar versucht hat, etwas zu begreifen, doch nie wirklich verstand, um was es ging. Eine solche Situation lässt Zuhörer oftmals mit Ehrfurcht zurück und mit der Idee, man selbst werde das Hirn niemals begreifen. Gerade deshalb umgibt Neurowissenschaftler ein Mythos von hoher Intelligenz und unvorstellbar großem Wissen. Gefördert wird diese Vorstellung auch durch die intensive Nutzung von Fachbegriffen wie Amygdala, Hippocampus, Thalamus oder dorsolaterale Wand. Mir scheint, hier wird nach dem Motto „Wenn Du nicht überzeugen kannst, dann verwirre wenigstens“ verfahren. Da ich selbst Wissenschaftler bin, muss ich für meine Kollegen eine Bresche schlagen: Die meisten von ihnen verwirren nicht absichtlich. Wissenschaftler haben den natürlichen Hang dazu, alles korrekt darzustellen und auch nur das auszusagen, was die Experimente wirklich an Schlussfolgerungen zulassen. Leider hilft das dem Manager als Nichtwissenschaftler nicht weiter.

Franz Joseph Strauss hat vor dem Landtag einmal gesagt: „Die Expansion subterraner Knollenfrüchte verhält sich reziprok proportional zur intellektuellen Kapazität des Agrarökonoms“, und damit fragende Gesichter provoziert. Wenn man so etwas das erste Mal hört, dann muss man schon schlucken. Was meinte er eigentlich? Mein Hirn fängt dann auf jeden Fall an zu arbeiten. Umgangssprachlich hört sich das viel besser an: „Der dümmste Bauer erntet die größten Kartoffeln“, ist ein verständlicher Satz mit der gleichen Aussage. Ich wünschte, die Sprache der Neurowissenschaften ließe sich ähnlich verständlich übersetzen. Auf den nachfolgenden Seiten versuche ich dies auf jeden Fall.

Denn vielleicht verhält es sich mit den Neurowissenschaften auch wie mit dem Wein: Viele verstehen die Angaben auf den Etiketten nicht, können mit der komplizierten Weinsprache nichts anfangen und trinken dann lieber etwas anderes. Wer weiß schon, was „Premier Cru“, Kabinett oder Sangiovese bedeutet? Und wer weiß aus dem Stegreif, welcher Jahrgang in welchem Land wirklich gut war? Mit den Neurowissenschaften ist es ähnlich. Die spezifischen Fachbegriffe kann man ohne Studium kaum verstehen, die komplexen Erklärungen sind unverständlich. Viele Interessierte geben somit auf. Dabei hat die Neurowissenschaft in den letzten Jahren Erkenntnisse zutage gefördert, die viele unserer Führungsideen und -methoden infrage stellen. Diese Ergebnisse der Forschung erfordern eine Neuausrichtung unseres Tun und Handelns. Im Management ist ein Umdenken erforderlich.

Neuroleadership erklärt die Arbeitsweisen des Gehirns und versucht, die daraus resultierenden Konsequenzen für die Praxis darzulegen. Denn nur Manager, die ihr bestes Werkzeug genau kennen, können es auch gut nutzen. Neuroleadership gibt Methoden an die Hand, welche die Führungspraxis einfacher gestalten.

Neuroleadership erleichtert die Arbeit von Führungskräften

Als Wissenschaftler, der jahrelang im Management gearbeitet hat, liegen mir Führungskräfte und ihre Arbeit am Herzen. Ich will, dass Führungskräfte und Mitarbeiter glücklich und zufrieden in ihrem Schaffen sind. Schon seit Jahren beschäftigen mich deshalb spezifische Fragen der Führung wie:

  • Wie schafft man es, seine Stärken zu entwickeln, effektiver zu kommunizieren, konsequenter zu führen und effektiver zu managen?
  • Wie können wir bessere Entscheidungen treffen, erfolgreich mit Stress umgehen und Mitarbeiter motivieren?

Da das Gehirn maßgeblich an all diesen Aktivitäten beteiligt ist, finden wir dort auch Antworten. Und die sind anders, als wir das vielleicht erwarten würden. Genau davon handelt dieses Buch.

Die Zeit ist also reif für ein Buch, das jedermann die Funktionsweise des Gehirns näherbringt. Einfache Erklärungen ohne Fachchinesisch und komplizierte Theorien. Und ein Transfer in die Praxis. Denn Wissen nicht zur konkreten Anwendung zu bringen ist wie einen Brunnen zu graben, ohne Wasser zu schöpfen. Einzige Nebenwirkung meiner Vereinfachungen: Es kann dabei die eine oder andere Generalisierung, die nicht 100% korrekt ist, entstehen. Trotzdem glaube ich, der Zweck heiligt hier die Mittel.

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Lernen gehört zum Leben wie Wasser zum Meer

Eine der wesentlichen Erkenntnisse der Hirnforschung zeigt, dass unser Hirn veränderbar ist. Es besitzt eine sehr dynamische Struktur und entwickelt sich quasi ständig weiter (Pascual-Leone A., 2005). Auch beim Lesen dieses Buches wird es zu Veränderungen kommen (das hoffe ich zumindest). Veränderungen finden dabei, von außen nicht erkennbar, auf zellulärer Ebene statt. Sie erinnern sich – es geht um die Synapsen. Diese Verbindungen zwischen den Nervenzellen sind nicht fixiert, sondern können auf- und abgebaut werden. Ständig entstehen neue Verbindungen und andere werden abgebaut. Diese Verbindungen können locker sein oder durch ständigen Gebrauch immer fester werden. Beides geschieht, während wir lernen. Da wir jedoch ständig Neues lernen und jeder etwas Anderes lernt, ist ganz stark davon auszugehen, dass jeder Mensch sein ganz eigenes Nervengeflecht gebildet hat. Jedes Gehirn sieht also von außen eventuell gleich aus, innen ergeben sich aber markante Unterschiede. Wir alle haben ganz individuell unterschiedliche Einstellungen, Glaubenssätze und Werte im Laufe unseres Lebens erlernt, die sich in unterschiedlichen Netzwerken manifestieren.

Mittlerweile kann man sogar zeigen, dass eine intensive Nutzung einer bestimmten Hirnregion zu deren Vergrößerung führt. Denn es werden mehr Synapsen gebildet und mehr Nervenzellen zur Verarbeitung herangezogen. Die motorische Region des rechten Daumens von Teens und Jugendlichen ist z. B. sehr viel größer als die motorische Region des rechten Daumens von älteren Mitbürgern. Die intensive Nutzung des Smartphones und dessen Tastatur führt zu einer Erhöhung der Aktivität in der motorischen Region und mit der Zeit auch zu ihrer Vergrößerung (Gindrat A, 2014).

Wissenschaftler kommen immer öfter zu dem Schluss, dass unser Gehirn zum Lernen gemacht ist (Spitzer, 2002). Dadurch können wir auf Veränderungen in der Umgebung reagieren. Wir können Veränderungen bemerken, einschätzen, bewerten und so zu ganz neuen Schlussfolgerungen kommen als zuvor. Dadurch können wir unser Verhalten verändern. Wir passen uns an. Diese Anpassungsfähigkeit hat uns wohl unser Überleben gesichert. Kein Tier ist so anpassungsfähig wie wir. Wenn wir also wissen, wie Menschen lernen, erfahren wir auch etwas über Möglichkeiten der Veränderung bzw. der Entwicklung von Menschen.

Ein Gehirn entwickelt sich in Abhängigkeit von der Umwelt

Menschen sind auf der Welt die am weitesten entwickelten Organismen hinsichtlich der Möglichkeiten der Weiterentwicklung ihres Gehirns. Tiere haben üblicherweise viele fest verdrahtete Verhaltensweisen, um die wir sie oft beneiden. Sehen Sie sich einmal ein neugeborenes Pferd an. Es stellt sich nur wenige Stunden nach der Geburt von alleine auf und kann schon bald darauf laufen. Wir Menschen brauchen dazu viel länger. Haben Sie Ihre Kinder einmal beobachtet und bemerkt, wie lange das „Laufen lernen“ gedauert hat? Erste Schritte tun, hinfallen, aufstehen, wieder hinfallen, weinen, weitergehen. Meine Kinder haben ein paar Wochen gebraucht, bis sie einigermaßen laufen konnten. Bei Pferden scheint das Laufen eine im Hirn fest verdrahtete Verschaltung zu sein. Sie müssen es nicht lernen. Wir Menschen schon. Deshalb dauert es bei Kindern auch so lange, bis sie alleine laufen können. Ihr Gehirn muss diese Verschaltung erst anlegen. Generell kann man sagen: Je weiter entwickelt (evolutionär gesehen) die Tiere sind, desto flexibler wird das Gehirn und desto mehr kann erlernt werden. Menschen sind wahrscheinlich die am meisten lernende Spezies. Wir lernen laufen, atmen, kurzum: fast alles. Der Preis dafür ist jedoch eine sehr langsame Entwicklung, da jedes Verhalten erlernt werden muss.

Es hängt wesentlich von der jeweiligen Person ab, in welche Richtung sich ihr Hirn entwickelt. Das Gehirn kann sich weiterentwickeln, wenn wir ihm Gelegenheit dazu geben und es in die eine oder andere Richtung geführt wird. Denn das Gehirn lernt ständig, sich besonders gut an seine Umgebung anzupassen. Sitzen Sie gern vor dem Fernseher? Ehrlich gesagt: Ich schon. Doch was passiert mit dem Gehirn, wenn wir fernsehen? Vor dem Fernseher wird das Hirn zu einer visuellen Verarbeitungsmaschine ausgebildet. Und je häufiger wir „glotzen“, desto besser wird diese Verarbeitung. Doch welchen Vorteil bietet es, besonders gut fernsehen zu können? Mir bringt es keinen Mehrwert und fügt meinem Leben nichts hinzu. Deshalb versuche ich, meinen Fernsehkonsum zu verringern. Ganz ähnlich wie mit dem Fernsehen, ist es mit dem