Hirnregionen

Mittlerweile weiß man recht gut, welche Funktionen die einzelnen Bereiche des Gehirns haben. Ich stelle hier nur kurz die Teile und Regionen dar, die für das Verständnis von Führung wichtig sind. Ein Fakt ist für das Verständnis des Gehirns aber sehr wichtig. Keine der Regionen arbeitet für sich allein. Alle Teile und Regionen sind immer mit vielen anderen verbunden und arbeiten zusammen. Regionen spielen also bei manchen Themen eine entscheidende Rolle, man darf aber nie vergessen, das sie immer mit anderen Teile arbeiten. Funktionen können so nicht eindeutig definiert und lokalisiert werden. Für mehr Informationen verweise ich auf das Buch von Klaus Grawe (Grawe, 2004)

Hippocampus und Gedächtnis

Zu trauriger Berühmtheit wurde in den 50er Jahren Henry Molaison, der unter extremen epileptischen Anfällen litt (Squire, 2009). Ihm wurde 1953 chirurgisch ein großer Teil des medialen Temporallappens, inklusive 2/3 des Hippocampus, entfernt. Die Anfälle gingen daraufhin zurück, gleichzeitig verlor er aber auch sein Vermögen, sich Dinge zu merken. Er konnte sich an nichts erinnern, was er nach der Operation erlebte oder tat. Dafür konnte er sich an Dinge, die längere Zeit zurück lagen, sehr gut erinnern. Es war sogar so, dass er Dinge besser erinnerte, je weiter sie zurück lagen. Er konnte sich auch im Spiegel nicht mehr erkennen, wohl aber auf alten Fotos. Seine Sprache war davon unbeeinflusst und auch seine Intelligenz war durchschnittlich. Er konnte neue Bewegungsabläufe, wie z.B. Golf erlernen, sich jedoch nicht daran erinnern.

Hippocampus

Henry M. hat so entscheidend zu einer Klärung des Gedächtnisvorgangs beigetragen. Teile seines episodischen Gedächtnisses gingen bei der Operation mit dem Verlust des Hippocampus verloren. Sein Kurzzeitgedächtnis ging verloren, das Langzeitgedächtnis blieb jedoch intakt. Offensichtlich speichern wir diese Informationen an verschiedenen Orten. Interessant auch, dass sein Arbeitsgedächtnis und sein prozedurales Gedächtnis (oder auch implizite Erinnerungen) intakt blieb, denn er konnte ja neue motorische Fähigkeiten erlernen.

Wir können daraus folgern, dass der Hippocampus wichtig ist für die Speicherung von episodischen Erinnerungen und deren Konsolidierung. Und er scheint auch wichtig für die Bildung des räumlichen Gedächtnisses. Das wird besonders durch die Studie der Taxifahrer in London unterstützt (Maguire, 2011), deren Hippocampus sich während der Ausbildung erheblich vergrößert. Er speichert die wichtigen Dinge, die im Laufe der Zeit in andere Orte des Gehirns übertragen werden, dem Langzeitgedächtnis.

Interessant am Gedächtnis ist, das nur ein Bruchteil der Informationen unserer Umwelt abgespeichert werden. Es werden nur die für die Person wichtigen Informationen abgespeichert. Wichtig sind die Informationen, die konsistent ins Weltbild passen (siehe ACC) und die Informationen, die zur Zielerreichung (siehe PFC) beitragen. Und diese sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Das erklärt, warum wir andere Menschen häufig nicht verstehen und warum andere von unserem Weltbild nichts halten. Wichtig für uns als Führungskräfte ist die Frage: Wie erschaffen wir ein ähnliches Bild in den Köpfen unserer Mitarbeiter?

Präfrontaler Kortex (PFC)

Auch hier gibt es einen Menschen, den ein Unfall zur Berühmtheit machte. Phineas Cage war Vorarbeiter bei der Bahn. Im September 1848 ging eine Sprengung schief und eine 3cm dicke und 1m lange Eisenstange bohrte sich unterhalb seines Auges in den Schädel und kam oben wieder heraus. Dabei wurden große Teile seines Präfrontalen Kortex zerstört.

Vor seinem Unfall galt Phineas Cage als ausgeglichen, höflich und smart. Darnach beschrieb ihn sein behandelnder Arzt, Dr. John Martyn Harlow, als unbeständig, sprunghaft, respektlos und ausschweifend. Er konnte keine Pläne für die Zukunft machen und hatte hohe Stimmungsschwankungen. Frauen wurde geraten, wegen seiner derben Ausdrucksweise nicht mehr in seine Nähe zu kommen.

Der präfrontale Kortex ist wohl die Region im Hirn, in der sich Menschen am meisten von Tieren unterscheiden. Er ist mit allen Hirnregionen gut vernetzt und erhält vorprozessierte Signale. Er ist offensichtlich für die Verarbeitung komplexer Informationen zuständig.

PFC

Diese und viele andere Untersuchungen zeigen, dass der Präfrontale Kortex einige wichtige Funktionen besitzt und viel von dem steuert, was uns als Person ausmacht. Zum einen ist er ein wichtiges Kontrollinstrument. Es hält unsere Emotionen unter Kontrolle, bzw unsere Reaktionen auf unsere Emotionen. Zum anderen ist er wichtig für die zielgerichtete Planung, bzw für die motivationale Ausrichtung der Person und deren Ausführung.

Dabei haben der linke und der rechte PFC unterschiedliche Funktionen und sind auch bei verschiedenen Menschen unterschiedlich aktiv. Grob gesagt beherbergt der linke PFC positive Ziele und generiert bei Aktivität positive Emotionen. Ist der rechte PFC werden Vermeidungsziele anvisiert und es kommt zu negativen Emotionen.

Amygdala

Die Amygdala (zu deutsch Mandelkern) stellt eine entscheidende Komponente im Gefahrenabwehrsystem des Gehirns dar. Stellen Sie sich vor, Sie werden mit einem lauten Knall konfrontiert. Über den sensorischen Thalamus werden diese Signale zum lateralen Teil der Amygdala geleitet und als Gefahr interpretiert. Deshalb erschrecken wir auch in diesen Momenten. Denn sofort  mit dem Knall, wird von der Amygdala ein Abwehrreflex initiiert. Durch das autonome Nervensystem beeinflusst,wird Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Unser Blutdruck und unsere Herzfrequenz gehen nach oben.

Zugleich kommt es zu einer Weiterverarbeitung der eingehenden Signale im sensorischen Cortex. Wir sehen ein altes Auto, bemerken vielleicht die lauten Motorgeräusche und schließen aus der eingehenden Analyse, dass der Motor eine Fehlzündung hatte. Dabei ist auch der Hippocampus involviert, der Kontextinformationen untersucht. Er trägt zur Analyse bei indem er die Gesamtsituation (wir sind zum Beispiel auf einer Oldtimer-Show) einbringt. Mithilfe der verarbeiteten Informationen, wird im präfrontalen Kortex eine Entscheidung getroffen: Eventuell ist die Situation ist nicht riskant und wird so an die Amygdala weitergeleitet. Sofort wird eine Entspannung eingeleitet und der Abwehrreflex wird runterreguliert.

Amygdala

Wäre der Präfrontale Kortex jedoch zu der Schlussfolgerung gekommen, es bestände eine Gefahrensituation, dann wäre die Amygdala weiter aktiv gewesen und hätte mit der Abwehr- und Schutzreaktion weiter gemacht. Die Muskeln wären weiter angespannt, der Blutdruck und die Herzfrequenz hoch und die Körpertemperatur erhöht. Dieser Zustand ist immer dann hilfreich, wenn wir wirklich in Gefahrensituationen kommen. Ein ständiges Verharren in diesem Zustand ist jedoch nicht gesund und sollte vermieden werden.

Auf der Arbeit erleben mehr und mehr Menschen eine solche Gefahrensituation. Man wird schlecht bewertet, angemacht, gemobt, gehänselt und vieles mehr. Dadurch verharren Mitarbeiter in dieser Gefahrensituation und es entwickelt sich Stress. Die negativen Folgen von Stress auf die Leistung sind hoffentlich hinlänglich bekannt. Mehr Informationen zur Amygdala und Angst erhalten Sie bei LeDoux (LeDoux, 2001) oder unter „Angst und Stress reduzieren“.

Der anteriore zirculare Kortex (englisch: anterior cingulate Cortex; ACC)
Er wird immer dann aktiv, wenn man mit konflikthaften Informationen umgehen muss. Konflikthaft Informationen sind solche, die zu den motivationalen Zielen oder den Aufgaben die man erledigt nicht passen. Werden also Situationen wahrgenommen oder Handlungen initiiert die den Zielen zuwider stehen, dann wird der ACC aktiv. Er ist ein Überwachungssystem für Inkonsistenzen von Wahrnehmungen, Erwartungen und Zielen. Detektiert er eine solche Inkonsistenz, dann werden alle Kräfte des Hirns mobilisiert, um die Beibehaltung von Zielen zu ermöglichen. Der ACC und der PFC arbeiten eng zusammen. Ist der ACC unteraktiviert, dann unternehmen die Menschen nichts, um an der Situation etwas zu verändern. Sie haben resigniert. Ist der PFC unteraktiviert, dann schaffen die Menschen es nicht, ein zielgerichtetes Verhalten zu aktivieren (Davidson, 2016). Bei Depression ist der ACC unteraktiviert. Sie reagieren deshalb nicht mehr auf kritische Situationen und mobilisieren keine Kräfte, um etwas zu ändern (Drevets, 2008).

ACC

Der ACC scheint der entscheidende Teil für die Konsistenztheorie von K. Grawe (Grawe, 2004) zu sein. Konsistenz bezieht sich auf die Vereinbarkeit von neuronalen/psychischen Prozessen und zielt auf das psychische Funktionieren ab. Konsistenz ist den Grundbedürfnissen vorgelagert, die sich auf die Interaktion mit der Lebensumgebung bezieht. Es gibt 4 Grundbedürfnisse, Orientierung und Kontrolle, Lustgewinn/Unlustvermeidung, Bindungsbedürfnis, Selbstwerterhöhung/-schutz. Werden die Bedürfnisse häufig erfüllt, entwickeln sich annähernde motivationale Ziele. Bei Verletzung der Bedürfnisse entstehen dagegen häufig Vermeidungsschemata. Bei Inkonsistenz stören sich die gleichzeitig aktiven psychischen Prozesse. Zum Beispiel möchte man gerne mit einem Partner zusammen sein. Ins Spiel kommt dann auch unser Bedürfnis, die Situation kontrollieren zu wollen. Dadurch leiden aber wiederum die Beziehung und damit unser Bindungsbedürfnis. Diese Inkonsistenzen treten immer wieder im Leben auf. Nur wenn das Individuum erfolgreiche Mechanismen der Konsistenzregulation entwickelt hat, dann entwickelt es sich zur stabilen Persönlichkeit. Konsistenz rückt deshalb mehr und mehr in den Fokus der Führung.

Literaturverzeichnis

Baer, M., 2015. Neuroscience: Exploring the Brain. 4 Hrsg. s.l.:Lippincott Williams&Wilki.

Davidson, R., 2016. The Emotional Life of Your Brain. s.l.:Goldmann.

Drevets, W. C., 2008. The Subgenual Anterior Cingulate Cortex in Mood Disorders. CNS Spectr, 13 8, p. 663–681.

Grawe, K., 2004. Neuropsychotherapie. s.l.:Hogrefe.

Hebb, D., 1949. The organization of behavior. A neuropsychological theory. s.l.:Erlbaum.

Kandel, E., 2006. Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes.. s.l.:Siedler.

LeDoux, J., 2001. Das Netz der Gefühle. s.l.:Deutscher Taschenbuch Verlag.

Maguire, E. A., 2011. Acquiring “the Knowledge” of London’s Layout Drives Structural Brain Changes. Current Biology, 20 12, p. 2109–2114.

S., H.-H., 2009. Equal numbers of neuronal and nonneuronal cells make the human brain an isometrically scaled-up primate brain.. J Comp Neurol., 10 Apr , pp. 532-41.

Squire, L., 2009. The legacy of patient H.M. for neuroscience. Neuron , 1, pp. 6-9.

Emotionale Intelligenz

Wir wissen schon lange, wie wichtig Freunde sind. Ohne jemanden, mit dem man richtig reden kann und der mit einem die schwierigsten Situationen durchsteht, ist es schwer. Ohne jemanden zu haben, der uns liebt und mit dem man eine tiefe Beziehung hat, kann man fast nicht leben. Wie wichtig Beziehungen wirklich sind, wird durch die Neurowissenschaften noch einmal eindrücklich belegt und zeigt einmal mehr, dass ein gutes Klima am Arbeitsplatz die Performance unglaublich beeinflusst.

Beziehungsprobleme bereiten echte Schmerzen

Die interessantesten Experimente in diesem Bereich, wurden von Herrn Liebermann durchgeführt. Er hat untersucht, wie sich Probleme in Beziehungen von physischen Schmerzen unterscheiden. Dazu legte er Probanden in den Kernspintomographen und zeigte Ihnen einen Film, in dem sich Menschen Bälle zuwarfen. Einer der Menschen war der Repräsentant des Probanden. Auf einmal hörten die anderen Mitspieler auf, den Ball zum Probanden zu werden. Er wurde ausgeschlossen. Und obwohl dies nur eine Computersimulation war, konnte man eine hohe Aktivität im Schmerzzentrum sehen. Im gleichen Zentrum, das auch aktiv ist, wenn man sich ein Bein oder einen Finger bricht, oder wenn man sich den Arm verstaucht. Ob Sie Liebeskummer haben oder sich ein Bein brechen, die Schmerzen sind für Sie identisch.

Noch weitaus interessanter ist, wie Schmerzen von Partnern empfunden werden, wenn sich der andere Partner einmal verletzt. Selbst wir fühlen ja schon Schmerzen, wenn wir ein Kind sehen, dass sich verletzt. Untersucht man aber das Schmerzempfinden eines Menschen, dessen Partner gerade schmerzhafte Elektroschocks bekommt, dann sieht man, dass auch der eine hohe Aktivität im Schmerzzentrum aufweist. Er leidet mit. Und so bestätigt die Hirnforschung den Volksmund „Geteiltes Leid ist halbes Leid“.

Beziehungen machen glücklich

Wir haben aber nicht nur Schmerzen mit unseren sozialen Beziehungen. Sie können uns auch überaus glücklich machen. Das passiert deshalb, weil bei der Erfüllung von sozialen Erwartungen auch unser Belohnungs-System anspringt. Werden unseren Hoffnungen auf einen schönen Abend vom Partner erfüllt, dann schüttet unser Hirn kräftig Endorphine aus, die uns glücklich machen. Aber auch wenn Studenten im Experiment Briefe von Verwandten vorgelesen werden, in denen ihre Stärken und Eigenschaften beschrieben werden, ist die Freude groß. Und sogar wenn Fremde einem etwas Nettes sagen, belohnt uns unser Hirn.

Wir haben ein großes Bedürfnis nach Beziehungen. Das ist ein Grundbedürfnis. Jeder will gerne gute Beziehungen haben. Aber jeder lernt im Laufe des Lebens, was es bedeutet, gute Beziehungen zu haben. Und das ist für alle unterschiedlich. Der eine glaubt, das gute Beziehungen davon geprägt sind alles gemeinsam zu tun. Der andere denkt, das man auf den anderen Rücksicht nimmt und wieder ein andere, dass Beziehungen darauf basieren, dass man den anderen so nimmt wie er ist. Und weil jeder seine eigene Vorstellung hat, sind Beziehungen häufig so schwer. Viele Menschen kapseln sich deshalb ab, sind distanziert und versuchen gerade auf der Arbeit Emotionen und Beziehungen zu vermeiden. Als emotional intelligent bezeichnen wir Leute, die solide und stabile Beziehungen eingehen können. Menschen die empathisch sind und mit anderen mitfühlen können. Daniel Goleman hat gezeigt, das wir dazu ein hohes Maß an Selbsterkenntnis und Bewusstsein über die eigenen Emotionen haben müssen. So beinhaltet emotionale Intelligenz ein Bewusstsein über die eigenen Emotionen, die Emotionen und Gefühle anderer Menschen und der konstruktive Umgang damit.

Emotionale Intelligenz

Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, das Intelligenz etwas anderes ist als emotionale Intelligenz. Sie sind sogar an unterschiedlichen Stellen im Kopf lokalisiert. Während die Intelligenz eher an der Peripherie des präfrontalen Kortex lokalisiert ist, zeigt die emotionale Intelligenz hohe Aktivität im mittleren Bereich. Ein hoher IQ lässt also nicht darauf schließen, das so jemand auch gute Beziehungen aufbauen kann. Das haben wir uns aber sicherlich schon gedacht. Es gibt so viele Chefs, die unfähig sind gute Beziehungen aufzubauen. Dabei sind es gerade die emotional kompetenten Chefs, die eine leistungsfähige Kultur aufbauen in der es Spaß macht zu arbeiten. Das sind die Chefs, die eine Firma erfolgreich machen.

EQ braucht Selbstbewusstsein

Um mit den Gefühlen anderer gut umgehen zu können gibt es eine Voraussetzung: Ich muss mit meinen Gefühlen gut umgehen können. Doch das fällt den meisten Führungskräften schwer. Sie drücken Gefühle lieber beiseite. Es gilt das Credo „Gefühle stören nur, wir müssen rational handeln“. Und so ignoriert man seine Wut, seinen Stress und seinen Ärger. Er ist zwar da, aber das Bewusstsein dafür fehlt.

Das führt zu interessanten Situationen, Ich erinnere mich an ein Erlebnis als ein CEO mit hochrotem Kopf und qualmenden Ohren zu seinen Mitarbeitern in eine Besprechung kam. Einer der Mitarbeiter meinte teilnahmsvoll „Sie sind aber geladen heute!“. Und der Chef reagierte und schrie „Ich bin nicht geladen“. Ein klarer Fall von geringem Selbst-Bewusstsein.

Ich plädiere dafür, wieder mehr auf seine Emotionen und Gefühle zu achten. Diese haben ja durchaus ihren Sinn, denn sie geben Rückmeldung über den körperlichen Zustand. Und der ist ja wichtig zu wissen. Oder wollen sie nicht wissen, wann sie gestresst, wütend oder eifersüchtig sind? Dann hören sie besser hin. Man kann es trainieren, seine eigenen Gefühle zu bemerken. Genauso wie man es trainieren kann, es nicht zu tun.

Daniel Goleman sagt, das die Selbstwahrnehmung der erste Schritt zu emotionaler Intelligenz ist. Dann folgen Selbstregulation und Motivation. Je mehr ich bemerke, was mit Angst macht und was mich stimuliert, je besser kann ich mich steuern. Ich kann mich auf kritische Situationen vorbereiten und gute Situationen aktiv anstreben. Ich habe ein Gefühl dafür, was mich motiviert. Und das setze ich ein. Erst wenn ich ein Bewusstsein über meine eigenen Gefühle und eine Selbststeuerung gefunden habe, kann ich auch besser mit anderen mitfühlen und empathisch sein.

Empathie und soziale Kompetenz

Das erscheint auch logisch. Erst wenn ich mich kenne, kann ich auch beim anderen erkennen, wie es ihm/ihr geht. Oder anders ausgedrückt, je besser ich mich kenne, je besser kann ich mich in den anderen hinein versetzen. Ausschlaggebend für diese Fähigkeit ist unser Mentalizing-System und unser Spiegelneuronensystem. Haben sie schon mal gesehen, wie jemand eine Zitrone ist und gemerkt, wie sich ihr Mund zusammen zieht und voller Speichel läuft. Das ist so eine Reaktion des Spiegelneuronensystems. Wir wissen genau, was beim anderen gerade passiert und in unserem Kopf löst es die gleichen Reaktionen aus. Je besser ich das kann, je empathischer kann ich sein. Und dann passe ich auch meine Reaktionen an das Verhalten meines Gegenübers an. Einfühlungsvermögen nennt man das auch.

So erlerne ich Stück für Stück soziale Kompetenz. Ich merke was Einfluss auf den anderen hat, aber auch wie die Firma bzw die Belegschaft der Firma auf Nachrichten oder Kürzungen reagiert. Es wird klar, was ich tun muss, um Mitarbeiter zu motivieren und stolz auf die Firma zu machen. Und das ist eine Kompetenz, die wir heute dringend brauchen.

Lebenslang lernen

Lernen ist eine der großen Aufgaben des Gehirns. Wir lernen, seitdem wir ein Baby waren. Viele denken jetzt an die Schule und das Pauken von Vokabeln oder Jahreszahlen. Doch wir lernen wesentlich mehr als nur Sprachen und ein paar besondere Fähigkeiten. Wir lernen auch die Gesetzmäßigkeiten unserer Welt. Wir lernen Lebensregeln, Einstellungen, Vorurteile und vieles mehr, das unbewusst unser Leben bestimmt. Wir übernehmen dabei oft Verhaltens und Denkweisen unserer Bezugspersonen und der Gruppen in denen wir uns wohl fühlen. Und viele dieser Denkweisen ist uns nicht bewusst. Sie machen aber einen Großteil unserer Persönlichkeit aus.

Lernen macht flexibel

Als Kind haben Sie vielleicht öfter mit Bauklötzen gespielt. Dabei sind Ihnen des öfteren der in oder andere aus der Hand gefallen. Dabei ist Ihnen aufgefallen, dass die Klötze immer nach unten fallen, niemals nach oben. Schwupp, schon haben Sie eine physikalische Regel gelernt und im Gehirn abgespeichert. Ohne, das Ihnen das eigentlich bewußt ist. Genauso haben wir laufen gelernt, sprechen, verhandeln oder auch Durchsetzungsvermögen oder Resilienz.

Wir Menschen haben ein Gehirn, das so unfertig ist wie sonst keines in der Evolution. Kaum etwas ist wirklich fest verdrahtet, wir müssen alles lernen. Schauen Sie sich ein neu geborenes Pferd an, das kann schon nach ein paar Stunden laufen. Wie lange brauchen Babies? Rund ein Jahr, bis sie einigermaßen auf den Beinen stehen können. Wir müssen uns die einfachsten Dinge hart erarbeiten.

Doch dieser vermeintliche Nachteil, ist ein Vorteil. Das Gehirn ist unglaublich flexibel und passt sich wunderbar an alle Situationen an. Und lernt, sich mit allen neuen Situationen zu arrangieren. So entwickeln wir uns immer weiter. Besser gesagt, wir haben das Potential uns immer weiter zu entwickeln. Denn Entwicklung passiert nicht einfach so. Wir müssen etwas dafür tun. Das unser Gehirn sich permanent weiter entwickeln kann, nennt man übrigens Neuroplastizität.

Was passiert beim Lernen im Kopf

Was passiert eigentlich bei Lernen? Man geht heute davon aus, dass die Information in den Netzwerken der Nervenzellen liegt. Ständig werden neue Synapsen gebildet oder abgebaut wenn wir etwas lernen. Das konnte erst vor einigen Jahren in einem tollen Experiment in vivo gezeigt werden. Einer Katze wurde ein Auge zugeklebt. Das bedeutet, das zweite Auge muß mehr leisten und neue Dinge lernen. Man konnte nun schon innerhalb weniger Tage sehen, wie sich neue Synapsen im visuellen Kortex bilden, um auf die veränderte Situation einzugehen.

Damit Sie lernen können und es zu einer Neuverdrahtung von Synapsen kommt, benötigen Sie Dopamin. Es ist quasi der molekulare Helfer des Lernens. Es wird hauptsächlich vom Nucleus accumbens ausgeschüttet, wenn Sie erwarten etwas Neues zu lernen oder zu entdecken. Wird Ihre Erwartung erfüllt, dann wird die neue Information sofort abgespeichert. Und das macht uns glücklich.

Dabei wird das Hirn zu dem, für das wir es benutzen. Gebrauchen wir es zum Problemlösen, wird es ein Problemlöser. Gebrauchen wir es zum Konsumieren von Informationen, dann wird es ein Konsument von Informationen. Wenn wir uns weiter entwickeln wollen, dann kommt es sehr darauf an, was wir lernen.

Was wir lernen

Wen wir mal aufzählen sollen, was wir gelernt haben in unserem Leben, dann fällt den meisten Leuten ein, das sie laufen, sprechen und viele Dinge in der Schule gelernt haben. Das können Sprachen sein, Matheregeln oder naturwissenschaftliche Fakten. Meisten also explizites Wissen, das wir jederzeit abrufen können.

Der größte Teil, den wir gelernt haben ist jedoch gar nicht abrufbar. Implizites Wissen, zu dem wir keinen direkten Zugang haben. Dazu zählen Lebensregeln, Einstellungen oder Glaubenssätze, die unser Leben bestimmen. Aber auch Charaktereigenschaften, die uns nicht bewusst sind. Wir reagieren wir auf Druck, oder auf Ehrlichkeit? Ich bemerke an mir, aber zum Glück auch an Anderen, das viele Kommentare und negative Bemerkungen über Sachverhalte, als persönliche Angriffe interpretiert werden. Und man reagiert darauf gereizt. Andere haben brillante Ideen, trauen sich aber nicht, sie zu äußern, während andere ihre (nicht so tollen) Ideen groß und breit ausrollen und überall zum Besten geben. Man schätzt, das mehr als 90% unseres Lebens von unsere Unterbewusstsein gesteuert werden. Ich plädiere deshalb dafür sein Unterbewusstsein besser kennen zu lernen und zu erfahren, wie es lernt. Damit wir unser Unterbewusstes wenigstens ein wenig unter Kontrolle bringen können. Aber vor allen Dingen, voller Selbstbewusstsein agieren können. Das ist eine der vordringlichen Aufgaben des Neuroleadership.

Wie wir lernen

Herr Gerald Hüter sagt, unser Kopf wird zu dem, mit dem wir uns beschäftigen. Ich finde, über diesen Satz sollte man einmal ausgiebig nachdenken, denn er hat viele Konsequenzen. Es bedeutet, das wir viele Dinge gelernt haben, weil sich unsere Umgebung damit beschäftigt hat und wir quasi mitgerissen wurden. So haben wir viele Einstellungen von unseren Eltern übernommen.

Ich habe eine Bekannte, die ich sehr schätze, weil sie immer ihr eigenes Ding macht. Sie kümmert sich wenig darum was andere sagen oder von ihr halten. Jetzt hat sie auch eine Tochter, die vor ein paar Jahren anfing vegan zu leben. Und die ganze Familie ist dagegen und meckert. Meine Bekannte ist fast ausgeflippt, weil sie einfach gerne Fleisch und Käse ißt. Und sie sagt:“Das hat meine Tochter nicht von mir!“. Stimmt, das Thema ist ein anderes, aber das WIE ist genau das gleiche. Da machen Mutter und Tochter einfach ihr Ding, gegen jeden Widerstand. Das gibt es in vielen Familien, wird aber auf den ersten Blick nicht so erkannt.

Wir übernehmen also gern Verhaltensweisen und Denkmuster, einfach weil wir ihnen immer begegnen. So entsteht Kultur und wird auch so weiter gegeben. Zeit spielt also eine wichtige Rolle beim Lernen.

Weiterhin müssen wir Herausforderungen begegnen und wir müssen Ziele verfolgen, damit sich neue Netzwerke bilden. Das was wir schon gelernt haben, ist schon in unseren Netzwerken repräsentiert. Erst wenn wir neuen Situationen begegnen, haben wir die Möglichkeit etwas Neues zu lernen. So können wir für jedes Problem dankbar sein, denn wir können daraus was lernen und daran wachsen.

Eine wichtige Voraussetzung zum Lernen ist Fokus. Ohne das wir konzentriert bei der Sache sind, ist lernen nicht möglich. Denken Sie nur an die vielen Stunden in der Schule, in der sie zugehört haben, aber am Ende gar nichts hängen geblieben ist. Bei mir war das zumindest so. Jetzt reicht oft eine Viertel-Stunde. Wenn ich etwas wissen will und begreifen möchte, wie etwas funktioniert, geht lernen ganz schnell. Aber man sollte voll und ganz bei der Sache sein. Und das ist heut zu Tage nicht so einfach.

Meta-Lernen

Der Satz von Gerald Hüter sagt aber auch, das wir aufpassen müssen, womit wir uns beschäftigen. Denn dazu bilden wir auch die entsprechenden Netzwerke. Beschäftigen wir uns den ganzen Tag mit Problemen oder Fehlern, dann fördern wir die Bildung von Problem bzw Fehlernetzwerken. Beschäftigen wir uns mit den negativen Aspekten unserer Kollegen, da stärken wir Netzwerke, die Fehler bei unseren Kollegen entdecken. Die richtigen Dinge zu lernen fordert Planung. Denn wir lernen viel von unserer Umgebung. Und die müssen wir bewusst wählen genauso, wie wir uns mit Dingen beschäftigen möchten.

Eine der wichtigsten Dinge im Leben ist es zu Lernen, wie wir sind. Ich glaube, wir werden uns zwar nie vollkommen kennen lernen, aber jedes neues Stück vom Puzzle ist ein Schritt zu mehr Glück und Zufriedenheit. Wenn ich erkenne, was mich wirklich treibt und glücklich macht, dann kann ich das aktiv verfolgen. Wenn ich weiß, wie meine Reaktionen auf andere wirken und warum sie da sind, kann ich aktiv mit ihnen arbeiten. Ich glaube es gibt nichts besseres als sein Innerstes mehr und mehr zu begreifen. Das ist eine echte Voraussetzung um eine gute Führungskraft zu sein.

Und die Selbsterkenntnis lässt uns auch begreifen, wie wir gelernt haben und warum. Es läßt uns die wichtigen Faktoren erkennen, und wie wir diese in unsere Arbeitswelt einbauen können. Ich nenne das Meta-Lernen. Lernen wie wir am besten Lernen und uns entwickeln können. Wir erkennen wie unsere Mitarbeiter effektiver lernen und sich verbessern.

Wenn wir als Führungskräfte mehr Wert darauf legen, dass unsere Mitarbeiter lernen, wie und was unsere Mitarbeiter lernen, dann können wir die Entwicklung unserer Firma und auch die Stimmung in der Firma nachhaltig beeinflussen. Und das ist mit einmal nicht getan. Es dauert ein ganzes Leben.

Kreativität entfesseln

Veränderungen in der Wirtschaft gehen immer schneller vor sich. Die Produktzyklen werden immer kürzer. Kam ein neues Auto vor 30 Jahren alle 12 Jahre auf den Markt, so sind es mittlerweile alle 5-7 Jahre. Kreativität, die Basis aller Innovationen, ist der Motor der Ökonomie. Aber nicht nur in der Wirtschaft ist Kreativität gefragt. Auch in  unserer Gesellschaft spielt sie eine immer größere Rolle. Kreative Menschen genießen einen besonderen Status, egal ob in der Kunst, im Marketing oder im Sport. Dabei ist Kreativität nicht nur in besonderen Berufen wichtig. Kreativ müssen wir in allen Bereichen der Firma sein, ob das jetzt Produktion, Administration oder Logistik ist. Ohne Kreativität keine Neuerungen und Verbesserungen.

Einer der schlimmsten Irrglauben unserer heutigen Zeit ist, dass nur wenige Menschen mit Kreativität gesegnet sind. Total falsch! Jeder kann kreativ sein. Aber Kreativität, die man nicht nutzt, kann sich nicht entwickeln. Sie verkümmert und man hat den Eindruck man hätte keine Ideen. Doch je mehr man sie nutzt, je mehr blüht sie auf.

Was ist denn kreativ?

Viele Wissenschaftler haben sich mit einer Definition abgemüht, aber es hat sich bis jetzt keine der Definitionen durchgesetzt. Auf jeden Fall beinhaltet Kreativität einen schöpferischen Akt, der etwas Neues erfindet und der ein Denken „out of the box“ verlangt. Kreativität ist ein mentaler, schöpferischer Prozess, der neue Ideen in die Welt bringt. Wissenschaftler unterscheiden zwischen alltäglicher und außergewöhnlicher Kreativität. Alltägliche Kreativität ist die Neugestaltung des Wohnzimmers oder die Improvisation bei der Zubereitung eines leckeren Essens. Außergewöhnliche Kreativität ist die auf der Ebene von Fachleuten und Genies, in der Lösungen gefunden werden, die es noch nie auf der Welt gegeben hat. Die Übergänge sind jedoch fließend, doch ist die außergewöhnliche Kreativität nicht nur für die kreative Person von Bedeutung, sondern auch die Allgemeinheit.

Gehirn & Kreativität

Das Gehirn spielt bei der Kreativität eine große Rolle. Die Neurobiologie zeigt uns, dass eine besondere Form von Denken gefragt ist. Wir sind auf der Arbeit oft konzentriert und fokussiert. In diesem Modus kann man im Gehirn Beta-Wellen messen. Sind wir jedoch kreativ, dann sind Alpha-Wellen zu messen. Das ist auch der Zustand, den Wissenschaftler häufig mit „Default“ Zustand bezeichnen. Das Gehirn spring von einem Gedanken zum anderen. Andere nennen es „Mind wandering“. Hat man sich lange mit einem Thema beschäftigt, dann läuft in diesem Zustand die Suche unbewusst weiter. Man verbindet bestehende Informationen im Gehirn, zu noch nie dagewesenen Informationen, zu etwas Neuem. Entspannt, einfach sein Gehirn treiben lassen, ist deshalb eine wichtige Voraussetzung für Kreativität.

Kreativität ist ein Prozess

Kreativität ist nicht allein der Moment der spontanen Eingebung. Es stimmt, es gibt diese Momente, die für uns wie Aha-Effekte wirken und augenscheinlich ohne Grund auftauchen. Jede Eingebung ist das Resultat eines kreativen Prozesses, der einige Stunden oder auch Wochen dauern kann. Wenn Sie wissen, wie er funktioniert, dann können Sie sich in Zukunft viel Zeit mit der Ideenfindung sparen. Hier sind die einzelnen Schritte:

1. Frage oder Problemformulierung
Die richtige Frage ist bei der Kreativität unglaublich wichtig. Häufig sind Fragen nicht spezifisch genug und zu allgemein. Sie sind für unser Hirn zu komplex. Stellen Sie also möglichst einfache Fragen.
2. Informationssammlung
In dieser Phase sammeln wir alle Informationen zu diesem Thema. Damit aktivieren wir die notwendigen Netzwerke in unserem Gehirn und fügen weitere wichtige Informationen hinzu.
3. Inkubation
Anschließend machen wir mal bewusst etwas ganz anderes. Wir gehen spazieren, lesen ein Buch oder backen einen Kuchen. Dabei denkt das Hirn unbewusst über die Problemstellung nach. Es arbeitet, ohne dass wir etwas davon merken.
4. Einsicht
Und plötzlich kommt da diese tolle Idee, oder besser noch die vielen Ideen, die eine mögliche Lösung darstellen. Wann sie kommt, kann man nicht genau sagen.
5. Optionen bewerten und Auswahl.
Diese erhaltenen Optionen bewerten wir und suchen die beste Option aus.
6. Implementierung
Hier kommen wir ins Tun und implementieren die beste Option.

Insgesamt können Sie an drei Komponenten ansetzen, um Ihre Kreativität zu erhöhen:
– Expertise: tiefes Wissen, um alle Fakten zusammen zu tragen
– Kreatives Denken: Fähigkeit, um in der Vorstellung Probleme zu lösen
– Motivation: Energie, um mit einer Aufgabe bis zum Ende durchzuhalten

Blockaden

In unserer Gesellschaft gibt es eine Unmenge an mentalen Blockaden, die unsere Kreativität hemmen. Hier kurz die wichtigsten:
– Die Überzeugung: Ich bin gar nicht kreativ! Das ist Unsinn. Jeder hat die Anlage kreativ zu sein. Aber man muss üben und sie nutzen.
– Für jedes Problem gibt es nur eine richtige Antwort. Das ist Unsinn. Es gibt zu jedem Problem eine Unmenge an Lösungen.
– Das ist doch nicht logisch. Viele glauben, eine Lösung müßte logisch sein. Genau, das sind kreative Lösungen meist nicht. Deshalb sind sie kreativ.
Sei mal praktisch. Dieser Satz ist der Killer jeder Kreativität. Kreativität ist genau das Gegenteil. Nicht logisch und auf den ersten Blick auch gar nicht praktisch.
– Strikte Zielorientierung, fixe Lösungswege und Prozess von denen man nicht abweichen möchte
– Starke Bewertungsängste hemmen die Kreativität
– Gedankliche Schranken und Glaubenssätze sind vielleicht die größten Hemmschuhe für Kreativität. Werte und Normen verhindern ein Denken in verschiedene Richtungen, weil man diese im Kopf gar nicht denken darf. Sie kommen durch Erziehung oder kulturbedingte Zwänge zustande.

Diese Blockaden sind richtige Killer. Lassen Sie sich davon nicht irre machen. Im Neuroleadership versuchen wir deshalb, diese Blockaden zu erkennen und in kreative Energien zu verwandeln.

Wie Sie ihre Kreativität steigern können?

  • Halten Sie sich an den Prozess. Beschäftigen Sie sich mit dem Thema aber lassen sie dem Gehirn auch Raum, darüber nachzudenken. Es braucht Inkubationszeit.
  • Beschäftigen Sie sich weniger mit sich selbst. Beschäftigen Sie sich mit der Erforschung der Umgebung
  • Versuchen Sie jeden Tag über etwas zu staunen und etwas Neues zu entdecken. Schreiben Sie täglich auf, worüber Sie erstaunt waren
  • Versuchen Sie, mindestens einen Menschen pro Tag in Erstaunen zu versetzen
  • Wenn Sie einen Funken Interesse verspüren, folgen Sie dem Gefühl
  • Beginnen Sie jeden Morgen mit einem konkreten Ziel, auf das Sie sich freuen können
  • Alles, was sie gut tun, bereitet Freude (verwandeln Sie Alltagsaktivitäten so, daß sie Freude bereiten)
  • Erhöhen Sie die Komplexität einer Aufgabe, wenn Sie unterfordert sind

Glück und Zufriedenheit

Glücklich sein wollen wir alle, oder sagen wir fast alle. Doch was macht uns glücklich und was verschafft uns das gute Gefühl? Wir wissen mittlerweile sehr sicher, das glücklich sein, nichts mit Glück zu tun hat. Wir können unseren Zustand selber beeinflussen. Glück kommt nicht aus der Luft geflogen und setzt sich zu dem einen oder anderen. Glück empfinden wir, wenn bestimmte Botenstoffe im Hirn ausgeschüttet werden. Diese Ausschüttung können wir aktiv beeinflussen.

Dopamin & Endorphine

Eines der wichtigsten Botenstoffe in unserem Kopf ist Dopamin. Dopamin wird immer dann ausgeschüttet, wenn wir etwas Neues lernen. Sei es Klavier spielen, Fahrrad fahren oder einfach nur ein neues Lied lernen. Dopamin führt dazu, dass sich im Hirn neue Strukturen bilden können. Es wird auch dann ausgeschüttet, wenn wir neue Lebensumstände zu bewältigen haben und dies mit Erfolg abschließen. Weil genau das Lernen ist. Dabei führt allein die Erwartung des positiven Abschlusses führt zu einer Dopaminausschüttung. Und das empfingen wir als Glück.

Ganz deutlich wird die Funktionsweise der Botenstoffe bei sportlichen Aktivitäten. Kletterer, die eine schwierige Passage durchqueren, oder Läufer, die eine besonders schnelle Zeit laufen wollen. Sie alle werden schon während der Ausführung gepuscht und erleben dann bei Erreichen ein wahres Hochgefühl und anschließend eine tiefe Zufriedenheit.

Für die Zufriedenheit sind endogene Opiate zuständig. Sie werden dann ausgeschüttet, wenn wir etwas abgeschlossen haben. Eine Herausforderung, die wir gemeistert haben, oder ein schwieriges Problem, dass wir gelöst haben. Dann setzt die Entspannung ein, es kommt zur Erholung und Regeneration. Wir erfahren Harmonie und eine tiefe Zufriedenheit.

Dopamin wird aber auch dann ausgeschüttet, wenn wir etwas schönes erleben und etwas Gutes in unserer Umgebung passiert. Wenn wir etwas Gutes essen oder trinken, wenn andere uns loben oder wenn wir etwas geschenkt bekommen. Das kann auch der Bonus oder die Gehaltserhöhung sein. Und sie merken, das sind alles extrinsische Faktoren. Dinge, die von außen auf uns einwirken.

Glück & Zufriedenheit

Das Glück, das wir empfinden, wenn wir etwas geschenkt bekommen oder etwas köstliches Essen kann unseren ganzen Körper gefangen nehmen. Wir könnten bei diesen extrinsisch Motivatoren jubeln vor lauter Glück. Es ist aber leider nur von kurzer Dauer.

Das Glück, was wir verspüren, wenn wir ein Projekt abgeschlossen haben oder eine schwierige Situation gemeistert haben ist nicht so überschwenglich. Dafür dauert es länger an. Das sind die Situationen und Erfahrungen, die uns zufrieden machen. Sie sind intrinsisch motiviert.

Wir können den starken Glücksmoment, oder auch die tiefe Zufriedenheit als Glück interpretieren. Beide sind notwendig, um ein ausgeglichenes Leben zu führen. Was in jedem Fall sicher ist: Glück hat ganz viel mit Bewegung und mit Machen zu tun. Wir erfahren es im Umgang mit der Umwelt und der damit verbundenen Interaktion. Damit wir in Bewegung kommen, muß das, was wir tun, uns Spaß und Freude bereiten. Sonst tun wir es nicht mehr. Dies wiederum hängt ab, von unserer Prägung und von den Erfahrungen, die wir gemacht haben.

Bedürfnisse

Eine andere Weise, um auf das Glück zu schauen sind unsere Bedürfnisse. Jeder Mensch wird mit gewissen Bedürfnissen geboren. Die Wissenschaften gehen von 4 oder 5 Grundbedürfnissen aus. Jede Bedürfniserfüllung führt zu Glücksgefühlen, jede Bedrohung der Bedürfnisse zu Angst und Unzufriedenheit. Die 4 Grundbedürfnisse nach Epstein sind:

Beziehungen: Sie sind nach Glücksforschern der wichtigste Bestandteil von Glück. Der, der stabile glückliche Beziehungen hat, braucht im Grunde kaum mehr als das. Gute Beziehungen helfen einem über alles hinweg. Das Glücksgefühl kommt aber nicht durch Dopamin sondern durch Oxytocin zustande. Das Beziehungshormon, das uns glücklich macht, sensibel, lernfähig und ausgeglichen.

Spaß und Freude: Ich setze das Bedürfnis gleich mit den extrinsischen Dingen, die ich von anderen erhalten kann oder mir zugeführt werden können. Ein gutes Glas Wein, ein Lob oder ein aufmunterndes Tätscheln auf den Rücken. All das bewirkt eine große aber kurze Dopaminausschüttung.

Selbstwert: Ich möchte wissen, das ich ein wichtiger Bestandteil der Gruppe bin, das ich etwas Besonderes schaffen kann und dadurch einen Wert habe. Deshalb ist die Entwicklung von Fähigkeiten, von Kompetenzen so wichtig auf der Arbeit. Gleichzeitig hilft es, den Sinn der Arbeit deutlich zu machen. Warum machen wir das? So trägt man als Führungskraft zum Glück des Mitarbeiters bei.

Kontrolle: Bedeutet das ich das Gefühl habe, ich bestimme selbst über mein Leben. Ich bestimme die Zeit, die Qualität und die Sachen, die ich mache. Deshalb macht Mikromanagement wenig Sinn. Menschen wollen so viel wie möglich selbst entscheiden. Und je mehr Sie entscheiden können, je besser ist es für die Motivation.

Ich bin ein Freund der bedürfnisorientierten Motivation. Führungskräfte sollten die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter kennen und lernen damit umzugehen. Denn nicht jeder Mitarbeiter lebt seine Bedürfnisse gleich aus. Wir sollten uns ganz besonders davor hüten von uns auf andere zu schließen. Fragen sie besser nach und seien Sie aufmerksam.

Disziplin

Eine herausragende Eigenschaft des Menschen ist, für Glück auch Stress, Schmerz oder Mangel in Kauf zu nehmen. Wir verschieben das Glück sozusagen auf später. So üben wir lange, um ein Musikstück perfekt spielen zu können und quälen uns durch die Übungen. Oder wir trainieren hart, um eine besondere sportliche Leistung zu erreichen. Wir verschieben quasi den Glücksmoment auf später in der Hoffnung ein noch besseres Glücksgefühl zu erhalten. Es klingt merkwürdig, aber gerade Menschen, die eine ausgeprägte Selbstkontrolle besitzen und es schaffen diese Glücksmomente aufzuschieben führen ein glückliches Leben.

Glückliche Menschen besitzen ein starkes Gefühl der Kontrolle und der Gestaltbarkeit, sie sind gerne mit anderen zusammen und verbunden, sie erleben Veränderungen als etwas Gutes und Chance zum Wachsen und tun eine Sache mit voller Hingabe. Probieren Sie es doch einfach aus. 

Wie Sie das erreichen? Meiner Erfahrung nach helfen die folgenden Dinge:
–   Kümmern Sie sich um Ihre Stärken und das, was Sie gut können
–   Setzen Sie sich Ziele und erreichen diese
–   Haben Sie Freunde und treffen diese regelmäßig
–   Seien Sie achtsam und tun alles mit Hingabe
–   Meditieren Sie täglich
–   Fangen Sie an ein Tagebuch zu führen und dokumentieren Sie Ihr Glück

Fokus für mehr Effizienz

Wir haben in unserem Kopf zwei unabhängige Systeme, die uns steuern. Daniel Goleman nennt das Eine bottom-up und ein top-down System (Daniel Kahnemann nennt sie System 1 und System 2). Das bottom-up System läuft auch unter der Bezeichnung Autopilot. Es steuert viele unserer Verhaltensweisen und Emotionen. Der Autopilot hat Zugriff auf Routinen und Glaubenssätze, die wir im Laufe des Lebens erlernt haben. Kommt durch unsere Sinne ein entsprechender Trigger, werden die passenden Routinen abgespult. Doch das Ganze passiert unbewusst und wir haben darauf keinen Einfluss. Das top-down System hingegen untersteht unserer bewussten Kontrolle. Hier können wir überlegen, abwägen und Entscheidungen treffen. Wir sind so in der Lage strategisch zu handeln.

Der Autopilot

Wenn wir uns nicht auf eine Sache konzentrieren, wird im Gehirn automatisch das sogenannte „Default Netzwerk“ aktiviert oder auch der Autopilot angestellt. Das geschieht immer zwischen zwei Aufgaben, oder wenn Sie nicht mehr aufmerksam sind, oder wenn wir von irgendetwas abgelenkt sind. Messungen haben ergeben, das dieser Zustand, bei den meisten Leuten, mehr als 50% der Zeit einnimmt. Die meiste Zeit beschäftigt das Default-Netzwerk sich mit sich selbst oder mit Stimuli, die einen Einfluss auf das eigene Leben haben können. Sie werden sich stärker bewußt, was Sie stört oder belastet. Das System sucht nach Hinweisen für eine Bedrohung. Sobald etwas Bedrohliches erkannt wird, wird der Körper in einen aktiven Zustand versetzt (siehe Stress & Angst). So kann er sich wehren oder flüchten. Das System ist dabei wie ein Hund, der mal hier und mal da schnuppert und rasend schnell zwischen verschiedenen Eindrücken wechselt.

Sie können diesen Zustand ganz einfach induzieren, indem Sie die Augen schließen und versuchen an nichts zu denken. Dann fangen Ihre Gedanken an zu wandern. Babies haben diese Fähigkeit ab der Geburt. Auch Sie können sich fokussieren und mit einer Sache beschäftigen, sobald Sie damit aufhören, wird aber der Autopilot aktiv. Er reagiert schnell, ist sensibel Emotionen gegenüber und denkt nur sehr kurzfristig. Das System ist jedoch auch wichtig, wenn wir kreative Ideen benötigen. Es verarbeitet im Hintergrund auch das, was uns gerade umtreibt. Verknüpft verschiedene Informationen und schafft Möglichkeiten, die auf einmal in unser Bewusstsein kommen. Das sind dann unsere AHA-Erlebnisse, in denen wir besondere Ideen haben.

Das Top-Down System

Um sich mit einer bestimmten Aufgabe beschäftigen zu können, werden Aktivitäten im medialen präfrontalen Kortex durch den ventrolateralen Kortex gehemmt. Er sitzt genau hinter der rechten und linken Schläfe. Er kann kognitive, emotionale und motorische Reaktionen unterbinden und kontrolliert die Aktivität des Default Netzwerks. Dieses Top-Down System ist uns bewusst und unser Bewusstsein kann Einfluss darauf nehmen. Im Gegensatz zu dem Bottom-up System ist es langsam,

Das System wirkt wie eine Bremse neuronaler ungerichteter Aktivität. Aber, dieses System ist sehr energiehungrig. Man hat festgestellt, dass die Aktivität bei intensiver Nutzung abnimmt. Die Energiereserven müssen erst aufgefüllt werden. Jedesmal, wenn sie einen Impuls unterdrücken, ist es im Folgenden schwerer sich an etwas zu hindern. Ihre eigene Veto-Kraft wird geringer.

Wie kommt dann ein Fokus zustande? Der Präfrontale Kortex, also der hinter unserer Stirn, ist wesentlich an der Regulation unserer Aufmerksamkeit und unseres Verhaltens beteiligt. Ausfälle in dieser Region führen zu einer reduzierten Aufmerksamkeit, höherer Impulsivität, schlechterer Organisation und Planung. Die Funktion wird dabei durch Hormone Norepinephrin und Dopamin reguliert.

Fokus läßt sich lernen

Unser Autopilot möchte gerne unser Leben steuern. Wir können auch sagen, das unser Unterbewusstsein unser Leben gerne über nehmen möchte. Denn das ist äußerst Energie-effizient. Fokus kostet wesentlich mehr Energie. So gut Fokus auch ist, es gibt für unseren Kopf gute Gründe, ihn nicht zu nutzen. Allem Energieverbrauch zu Trotz, sich auf eine Sache zu konzentrieren, muss und kann man lernen. Man kann die Aufmerksamkeit bewusst in verschiedene Bahnen lenken, oder aber schleifen lassen. Fokus hilft uns, verschiedene Optionen zu überdenken, unterschiedliche Szenarien durchzuspielen und möglichst viele Informationen über ein Thema in Betracht zu ziehen. Fokus ist wie ein Muskel, den wir trainieren können. Je öfter wir ihn nutzen, je besser werden wir darin. Fokus ist wichtig für das bewusste Denken und hilft uns in den Flow zu kommen.

Flow ist ein Begriff der von Mihály Csíkszentmihály geprägt wurde. Er beschreibt einen Zustand, wenn Menschen ganz mit ihrer Arbeit verbunden sind. Zeit und Raum werden unwichtig und man ist quasi eins mit seiner Arbeit. Flow erreichen wir, wenn wir herausgefordert werden und wir all unsere Fähigkeiten einbringen müssen, um zu Lösungen zu kommen. Unsere ganze Konzentration gilt einem Ziel, wir lassen uns durch nichts ablenken.

Fokus und Multitasking

Fokussieren können wir uns nur auf eine kognitiv herausfordernde Aufgabe. Wir können keine zwei hochgeistige Aktivitäten auf einmal machen. In unserem präfrontalen Kortex ist nur Platz für eine Aufgabe. Multitasking ist nicht möglich. Wenn wir es versuchen, schalten wir einfach schnell zwischen zwei Aufgaben hin und her. Das bringt natürlich Verluste mit sich, sie werden langsamer. In der Tat hat man festgestellt, dass Menschen, die häufig versuchen Aufgaben nebeneinander zu erledigen langsamer mit der kognitiven Verarbeitung werden, egal ob sie Single-tasking oder Multitasking machen.

Multitasking geht aber doch! Routineaufgaben können Sie mit einer kognitiven Aufgabe kombinieren. Zum Beispiel Bügeln und Telefonieren, oder Auto fahren und überlegen. Weil Routineaufgaben von den Basalganglien übernommen werden, ist im Kortex Platz für andere Aufgaben.

Zu besonderer Berühmtheit ist Phineas Cage gelangt, als 1848 eine Explosion beim Eisenbahnbau eine Eisenstange seinen Kopf durchbohrte. Interessanter Weise gelangte er schnell zu Bewußtsein und konnte nach einigen Wochen wieder zur Arbeit gehen. Sein präfrontaler Kortex wurde jedoch in Mitleidenschaft gezogen. Freunde und Verwandte bemerkten schnell eine Veränderung. Er handelte irrational, war sehr harsch in seinen Bemerkungen und überaus launisch. Sein Kontrollzentrum war bei dem Unfall zerstört worden. Er konnte seinen Fokus nicht mehr richten oder sein Verhalten kontrollieren.

Fokus auf der Arbeit

Für unsere Arbeit hat das weitreichende Konsequenzen. Um effizient an einer Sache zu arbeiten, müssen wir uns Zeit nehmen. Bearbeiten Sie eine Aufgabe mindestens 15 Minuten lang sehr konzentriert, denn erst dann ist Ihr Gehirn warm gelaufen. Schalten sie Störungen wie Telefon und Handy aus, wenn Sie konzentriert arbeiten wollen. Nach jeder Störung muss sich Ihr Gehirn neu einarbeiten, Sie verlieren wertvolle Zeit. Und versuchen Sie erst gar nicht mehrere Aufgaben auf einmal zu erledigen. Das funktioniert nicht. Was dabei hilft ist ein aufgeräumter Schreibtisch auf dem nur ein Vorgang liegt. Und so gut auch eine „Open door“ Policy ist für die Kommunikation, ab und zu braucht man auch mal Ruhe, um wichtige Dinge bearbeiten zu können. Versuchen Sie öfter in den Flow zu kommen, aber geben Sie ihrem Default Netzwerk auch Raum für Ideen. In der Balance beider Systeme liegt die Kraft und die Effizienz.

Literatur

D. Kahnemann, Schnelles Denken, langsames Denken; Penguin Verlag 2016

D. Goleman, Focus; Harper 2014

Mihaly Csikszentmihalyi, Flow. Das Geheimnis des Glücks, Klett-Cotta 2019

Stress und Angst

Stress ist eines der größten Probleme in der Arbeitswelt

Dauerstress ist für die meisten Menschen in Deutschland normal. Krankenversicherungen schätzen, das mindestens 20% (eher 30%) aller Deutschen permanent erschöpft sind. Sie glauben den vielen Anforderungen nicht mehr Herr zu werden und kommen aus dem Stress nicht mehr raus. In den meisten Firmen wird Stress als etwas vollkommen Normales gesehen. Viele glauben, dass Druck ein zuverlässiges Mittel ist, um Menschen zum Handeln zu bewegen. In der Tat, kann man mit Druck und Angst einen Menschen dazu bringen, etwas zu tun. Wenn Angst jedoch die Triebfeder ist, arbeitet man mit Widerwillen und ohne Motivation. So wird Leistung und Kreativität ganz dramatisch gesenkt. Das Gehirn ist im Dauerstress nicht leistungsfähig, denn die Energie wird in den Körper gepumpt. Wir sind pessimistischer, gereizter und fokussieren auf Probleme statt Lösungen. Stress ist somit der Leistungskiller Nr. 1 und bewirkt genau das Gegenteil, von dem was Firmen und Chefs wollen.

Heutzutage sind die Stressauslöser psychischer Natur

Angst ist ein schlechter Ratgeber, sagt man. Da ist etwas dran. Angst entsteht immer dann, wenn wir keinen befriedigenden Ausweg aus einer bedrohlichen Situation kennen. Und als Bedrohung empfinden wir nicht nur den Tiger oder den Verbrecher mit vorgehaltener Pistole. Bedrohungen sind in unserer Zeit subtiler geworden. Früher war der Bär oder der Mann mit dem Messer eine reale physische Bedrohung. Damit wir gegen diese physische Bedrohung etwas machen konnten, musste unser Körper, so schnell wie möglich in einen Zustand kommen, der einen Gegenangriff oder eine Flucht ermöglicht. Im Körper mussten Energien freigesetzt werden, um Leistung zu bringen. Heute sind die stressauslösenden Faktoren psychischer Natur. Das kann die EMail eines Kollegen oder Kunden sein, oder aber die heranrückende Deadline des Projekts. Besonders sensibel sind wir gegenüber Gesichtern. Schon das unwirsche Gesicht des Chefs oder eine kleine abfällige Zuckung wird als Bedrohung interpretiert und bewirkt Angst und Stress. Überlegen wir uns mal, wie oft so etwas geschieht, dann können wir uns gut vorstellen, warum die meisten von uns im dauergestressten Zustand sind.

Kortisol ist hilfreich, aber nicht immer

Wenn wir Angst haben, dann kommt es zuerst zu einer Reaktion des Nervensystems. Über den Sympathikus wird unser Körper in einen leistungsbereiten Zustand versetzt. Der Herzschlag und der Blutdruck steigen und die Körpertemperatur geht nach oben. Das geht rasend schnell. Wir können das manchmal bemerken, wenn wir uns erschrecken und ein Schauer durch unseren Körper läuft. Hat unser Gehirn keine Strategie parat, um mit der Situation umzugehen kommt es zum zweiten Schritt. Dann werden Hormone entlassen und das Nebennierenmark schüttet Kortisol und Adrenalin aus. Das bewirkt einen weiteren Anstieg unserer Herzschlages, eine erhöhte Temperatur, Zuckerausschüttung ins Blut und Schweißproduktion. Das ist notwendig, damit unser Körper sofort Höchstleistungen vollbringen kann. Weglaufen zum Beispiel, wenn wir in Gefahr sind.

Kortisol hat im Körper verschiedene Funktionen. Morgens hilft es uns beim Wach werden. Nachts übernimmt das Hormon Melantonin die Regentschaft und läßt uns schlafen und entspannen. Wird es morgens hell, dann steigt die Kortisolausschüttung und kurbelt unseren Kreislauf an. Es ist wichtig, damit wir in die Pötte kommen und Dinge anpacken. die Kortisolkonzentration hat jedoch einen optimalen Punkt. An diesem Punkt sind wir besonders leistungsbereit. Wird durch viele bedrohliche Situationen jedoch weiter Kortisol ausgeschüttet, dann wird dieser optimale Level schnell überschritten. Eine hohe Menge an Kortisol führt zu Stress. Die Folge sind eine verminderte kognitive Leistungsfähigkeit und eine geringere Kreativität. Unser Kortex wird heruntergefahren und wir können nicht mehr richtig denken oder gute Entscheidungen treffen.

Sehr hohe Kortisolkonzentrationen haben einen hemmenden Einfluss auf das Wachstum von Hirnzellen. Besonders Zellen im Hippocampus sterben durch zu hohe Konzentrationen ab. Da der Hippocampus maßgeblich an der Speicherung von Informationen beteiligt ist, kann man sich gut vorstellen, dass durch Stress auch das Gedächtnis leidet.

Im Stress greifen wir auf uralte Verhaltensmuster zurück

Bei Stress wird die Energie, die vom Hirn dringend gebraucht wird, abgezogen und für die Fluchtreaktion bereitgestellt. Der Körper benötigt die Energie, das Gehirn ist jetzt nicht so wichtig. Was auch logisch ist. Wenn man einem Säbelzahntiger gegenüber steht, dann muß man nicht nachdenken, sondern rennen oder kämpfen. Wir büßen so eine Großteil unserer kognitiven Fähigkeiten ein.

Was machen wir dann? Wenn wir nicht mehr richtig überlegen können und und unser Kortex nicht mehr funktioniert? Zum Glück hat das Gehirn noch ein paar alte Reaktionsprogramme auf die es zurückgreifen kann. Diese befinden sich in den Basalganglien, unserem Routinespeicher. Hier sind alle Routinen gespeichert, die wir ohne Bewusstsein ausführen können. Sie laufen in unserem Unterbewusstsein ab. Die drei Programme sind Flucht, Kampf oder Erstarren. Dabei ist es abhängig von der Situation und den Erfahrungen der Person, welche Strategie eingeschlagen wird. Im Falle von Flucht, verschwinden die Personen einfach, beim Kampf werden Sie einen Streit entfachen, während erstarrende Menschen einfach gar nichts machen. Sie versuchen möglichst regungslos die Situation zu überleben.

Unser Stress-Körper-Bewusstsein muss größer werden

Weil wir jedoch nur wenig Bewusstsein für unsere Leistungsfähigkeit haben, bemerken wir den Unterschied nicht. Und deshalb nehmen wir Stress auch nicht als allzu große Belastung war. Er gehört mittlerweile schon zum Leben. Die meisten Menschen bemerken zwar den Druck und fühlen Stress. Sie bemerken aber nicht, wie der Stress ihren Kopf lähmt. Das liegt auch häufig daran, das wir versuchen ihn zu ignorieren. Es hat sich in unser Unterbewusstsein die Denkweise eingeschlichen „Wenn wir ihn nicht bemerken, dann ist er auch nicht da“. Das ist leider ein Trugschluss. Viele Menschen rennen so in einen Burn-out und sagen dann „Ich hab es nicht kommen sehen“.

Ich plädiere deshalb für ein besseres Körperbewusstsein. Zwei Dinge funktionieren bei mir ganz gut, um das Bewusstsein zu stärken. Eine Übung ist recht einfach. Ich nehme mir ein paar Minuten Zeit und frage mich „Was fühle ich gerade?“. Dazu versuche ich die richtigen Begriffe für die Gefühle zu finden und sie mir laut zu sagen (Zum Beispiel „Ich fühle mich gerade klein, wütend, vernachlässigt“). Das ist gar nicht so einfach, weil es uns meist nur GUT oder SCHLECHT geht. Die richtigen Worte zu finden, fällt uns schwer und wir müssen das üben und lernen. Je mehr wir das machen, je besser wird unser Bewusstsein für unseren körperlichen Zustand. Je besser wird aber auch unsere emotionale Kontrolle. Es gibt einige Untersuchungen, die zeigen, das ein lautes Aussprechen des emotionalen Zustands, die Aktivität der Amygdala, um bis zu 50% senkt.

Eine andere Möglichkeit mit Stress umzugehen und mehr Körperbewusstsein zu entwickeln ist der Body-Scan. Das ist eine Meditationsform, bei der man Stück für Stück in seinen Körper hineinfühlt und bemerkt was sich dort gerade tut. Prickelt es, zieht es oder ist es dort besonders warm oder kalt. Es gibt dazu einige Anleitungen im Internet und einiges an Literatur. Am besten erscheint es mir aber, einen MBSR (Meditation based Stress reduction) Kurs zu machen. Der dauert 8 Wochen und es gibt in in jeder größeren Stadt. Man lernt viele verschiedene Meditationsformen, die nachweislich einen positiven Effekt auf die Stressreduktion, die Stärkung des Immunsystems und die Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit haben.

Können wir sonst etwas gegen den Stress tun? Während die oben genannten Übungen eher mentaler Natur sind, können wir uns auch um unseren Körper kümmern und aktiv den Gegenspieler des Sympathikus, den Parasympathikus aktivieren. Der Sympathikus ist ja für die Aktivierung des Körpers verantwortlich, der Parasympathikus für die Entspannung. Der Parasympathikus ist während des Schlafens aktiv – das ist eine unserer besten Möglichkeiten zum Entspannen. Leider aktivieren wir oft aktiv unseren Sympathikus und schlafen dann schlecht. Schlaf-forscher geben deshalb folgende Empfehlungen

  • dunkles Schlafzimmer (denn Licht aktiviert den Sympathikus)
  • Kein Essen vor dem Schlafen
  • Kein Alkohol vor dem Schlafen
  • aufreibende Filme vermeiden
  • keine Emails oder andere Arbeiten am Computer
  • emotional stimulierende Aktivitäten vermeiden

Manchmal schlafen Menschen auch 8 Stunden, fühlen sich aber trotzdem wie gerädert. Schuld ist daran, das der Körper aufgrund der Sympahtikus-Aktivität nicht zur Ruhe kommt. Gehen Sie am besten zu einem Schlafspezialisten, der kann die Aktivitäten gut messen und noch weitere Tipps für einen gesunden Schlaf geben.

Ansonsten bin ich fest davon überzeugt, das es gut ist Sport zu machen, um Stress abzubauen. Das erhöht die Resistenz gegen Kortisol-spitzen und beschleunigt den Abbau. Daneben hilft Sport bei der Bildung von neuen Nervenzellen und stärkt das Immunsystem. Ich denke, Sie haben es gemerkt: Dem Stress zu begegnen ist nicht auf eine Technik begrenzt. Wir sollten verschiedene Techniken kombinieren und austesten was uns gut tut.

Literatur

Grawe, K., 2004. Neuropsychotherapie. s.l.:Hogrefe.

LeDoux, J., 2001. Das Netz der Gefühle. s.l.:Deutscher Taschenbuch Verlag.

Hüther, G., 2012 Biologie der Angst. Wie aus Streß Gefühle werden (Sammlung Vandenhoeck)

Feinstein, J; The Human Amygdala and the Induction and experience of fear; Current Biology 2011

Damasio, A.; Der Spinoza Effekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen. List Taschenbuch 2004

Gehirn: zelluläre Grundlagen

Das Gehirn ist sehr komplex und viele Geheimnisse seiner Funktionsweise wurden in den letzten Jahrzehnten entschlüsselt. Es ist zwar noch längst nicht alles bekannt, aber  für ein besseres Verständnis von Führung ist es sinnvoll, die biologischen und chemischen Grundlagen zu kennen. Ich halte mich hier bewusst kurz. Ausführliche Informationen zur Funktionsweise des Gehirns erhalten Sie in den entsprechenden Lehrbüchern der Neurowissenschaften. (Mir gefällt das Buch „Neuroscience“ von Mark Baer (Baer, 2015) als Einführung recht gut.)

Das Gehirn besteht aus Nervenzellen.

Das Gehirn ist sicherlich das komplexeste Gebilde, daß wir in unserem Körper haben. Je nach Körperbau ist es unterschiedlich groß. Im Durchschnitt wiegt es zwischen 1,2 und 1,6 Kilo. Die Größe des Gehirns hat jedoch mit der Intelligenz wenig zu tun. Albert Einsteins Gehirn zum Beispiel war, trotz seiner überragenden Intelligenz, kleiner als der männliche Durchschnitt. Wichtiger scheint die Qualität der Netzwerke zu sein, die von den Nervenzellen gebildet werden (Haier, 2007).

Das Gehirn besteht, wie alle unsere Organe, aus Zellen. Diese Zellen sind hoch spezialisiert. Die zwei Haupttypen von Zellen in unserem Gehirn sind Nervenzellen und Gliazellen. Nervenzellen sind in ihrer Funktionsweise am besten untersucht. Im Prinzip erhält jede Nervenzelle Signale von anderen Nervenzellen und leitet die Signale an andere Nervenzellen weiter. Gliazellen umgeben die Nervenzellen und dienen der Versorgung der Nervenzellen aber auch der Geschwindigkeitserhöhung der Signalweiterleitung. Zudem mehren sich Anhaltspunkte, dass Gliazellen auch bei der Informationsverarbeitung beteiligt sind. Wie genau, das muss die Forschung in Zukunft klären.

Die Menge an Nervenzellen im Gehirn ist riesig. Die meisten Artikel verweisen ohne Quellenangabe afu eine Zahl von 100 Milliarden Nervenzellen. Prof. Herculano-Houzel (Herculano-Houzel, 2009) korrigiert diese Zahl etwas nach unten und landet bei 86 (+/- 8) Milliarden Nervenzellen. Die Menge an Gliazellen wird häufig auf ein Vielfaches der Nervenzellen taxiert, ohne dafür die entsprechenden Artikel anzugeben. In dem Artikel (Herculano-Houzel, 2009) kommen Sie jedoch auf eine Zahl von 84 (+/-9) Milliarden. Was man auf jeden Fall korrigieren muss ist das Gleichsetzen der Menge an Nervenzellen im Hirn mit der Anzahl von Sternen im Universum. Die wird jedoch auf 400 Milliarden geschätzt, ist also noch wesentlich größer. Egal wem man glaubt, die Zahl von Nervenzellen und Gliazellen in Ihrem Hirn ist auf jeden Fall riesig. Und das ermöglicht letztlich die Verarbeitung von komplexen Informationen.

So sehen Nervenzellen aus

Es gibt viele verschiedene Typen von Nervenzellen, die unterschiedliche Strukturen aufweisen. Es gibt Motoneuronen, die Muskelzellen aktivieren. Es gibt sensorische Neuronen, die verschiedene Signale erfassen und weiterleiten, neuroendokrine Neuronen, welche Hormone ausschütten können, Interneurone mit kurzem Axon und andere mit langem Axon. Die grundsätzliche Struktur und Funktionsweise ist jedoch immer gleich.

NervenzelleSchema

Vom Zellkörper aus gehen hunderte kleiner Fortsätze aus. Diese nennen wir Dendriten. Des Weiteren gibt es neben den Dendriten einen langen Fortsatz, der sich am unteren Ende auf zweigt. Dies ist das Axon. Die vielen Verästelungen der Nervenzellen, dienen dem Aufbau eines Netzwerkes. So kann sich eine Nervenzelle mit vielen anderen Nervenzellen verbinden. Der Signaleingang findet an den Dendriten statt, wird über das Axon weitergeleitet und über die Verästelungen des Axons weitergeleitet.

Wie kommt es zur Signalübertragung?

Die Enden dieser Verzweigungen sind kleine Knubbel, die an andere Nervenzellen angrenzen. Diese kleinen Verbindungsstellen zwischen Nervenzellen nennt man Synapsen. An den Synapsen passiert etwas Erstaunliches. Die ankommenden Signale werden durch ein ausgeklügeltes System übertragen. Das Signal, das über die Zellmembran geleitet wird, ist ein elektrisches Signal. Es entsteht durch die ungleiche Verteilung von Ionen die durch die Zellmembran getrennt sind. Durch die Öffnung von spannungsabhängigen Kanälen können die Ionen auf die andere Seite gelangen und das Potential ändert sich. So ein Signal, man nennt es auch Aktionspotential, wird am Zellkörper gebildet und über das Axon zu anderen Nervenzellen geleitet. An der Synapse wird das elektrische Signal in ein chemisches Signal umgewandelt. Erreicht ein Aktionspotential die Synapse, dann werden Kanäle aktiviert, die zu einem Einstrom von Calcium Ionen führen. Der kurzfristige Einstrom bewirkt, das sich einige, der mit Neurotransmitter gefüllten Vesikel, in der Synapse mit der Zellmembran verschmelzen und den Neurotransmitter in den synaptischen Spalt abgeben. Die Neurotransmitter gelangen zur anderen Seite und können dort an Neurotransmitterrezeptoren binden. Bei Bindung wird wieder durch die Öffnung eines Natrium/Kalium-Ionenkanals ein elektrisches Signal generiert und dieses wieder weiter geleitet.

SynapseSchema

Es gibt viele unterschiedliche Transmitter im Gehirn. Die klassischen Transmitter sind Glutamat, GABA, Dopamin, Adrenalin, Acetylcholin oder Glycin. Wichtig ist hier zu bemerken, dass es sowohl Transmitter gibt, welche Signale generieren (Dopamin, Glutamat, Adrenalin) als auch solche, die Signale hemmen (Glycin. GABA). Das ist wichtig, denn nur durch das Zusammenspiel von aktivierenden und hemmenden Signalen kommt es zur Informationsverarbeitung. Hier mal ein vereinfachtes Beispiel: Denken Sie doch an Ihre Konzentration. Wie oft möchten an etwas arbeiten, aber ständig schießen uns andere Gedanken durch den Kopf und lenken uns ab. Wir können uns besser konzentrieren, je besser dieser Gedankentrigger gehemmt werden kann. Dazu sind die hemmenden Synapsen wichtig. Wir können den Aufbau dieser Synapse sogar trainieren und dadurch unsere Konzentration stärken. Mehr dazu unter „Mit Fokus Überlastung abbauen“

Die Festigung von bestehenden Synapsen

Je öfter man etwas wiederholt, je besser kann man sich etwas merken. Offensichtlich funktionieren die Netzwerke, die das Gehirn dazu benutzt immer ein Stückchen besser. Daran beteiligt ist ein Prozess, der Synapsen festigt, je öfter sie benutzt werden Er nennt sich „Long Term Potentiation“ oder LTP. Er funktioniert folgendermaßen: An einer Synapse bei der Glutamat der aktivierende Neurotransmitter ist, befinden sich zwei unterschiedliche Glutamat-Rezeptoren auf der Seite der Synapse, die das Signal erhält (Postsynapse). AMPA Rezeptoren werden schnell durch Glutamat aktiviert und es wird ein Signal ausgelöst. NMDA-Rezeptoren werden durch Magnesium blockiert und dann geöffnet wenn es zu einer Signalgenerierung kommt. Durch diese Rezeptoren fließt Kalzium. Je länger und öfter nun diese Synapse stimuliert wird, je mehr Kalzium kann in die Zelle fließen. So wird ein Signalsystem aktiviert, das zum Bau neuer Proteine anregt, welche die Synapse verstärken. Häufige Nutzung führt also zu einer Verstärkung der Synapse, die dadurch leichter erregbar ist. Des Weiteren führt dieser Prozess zum Aufbau neuer Synapsen in der Umgebung der aktivierten Synapse. Laut Nobelpreisträger Eric Kandel (Kandel, 2006) ist dieser Prozess wichtig für das langfristige Lernen.

LTPSchema

So arbeiten die Nervenzellen zusammen

Jede Nervenzelle ist über die Synapsen mit 1000-10000 anderen Nervenzellen verbunden und leitet an diese Signale weiter oder hemmt die eingehenden Signale. Das einzelne Neuron ist jedoch nicht wichtig. Bedeutungen und Informationen ergeben sich erst durch die Aktivierung von Netzwerken bzw. gleichzeitig aktivierte Neuronen. Es kommt auf das Muster der aktiven Neurone an. Hebb (Hebb, 1949) hat hier eine wichtige Regel aufgestellt, die sich in Versuchen vielfach bestätigt hat. „Cells that fire together wire together“ bedeutet so viel wie „Zellen die zusammen feuern wachsen zusammen“. Wenn wir also einen Stuhl sehen, dann feuern bestimmte Winkel, Farben, Kanten, Kontraste, Umrisse bestimmende Nervenzellen mit Nervenzellen, die diese simplen Informationen zusammen fügen. Nervenzellen arbeiten in Netzwerken und Hierarchien zusammen. Die Signale aus einfachen Mustern werden mit komplexen Zellen und dann noch weiter zu hyperkomplexen Zellen verbunden, so das immer komplexere Muster identifiziert werden können. Und so entstehen aus Farben, Winkeln usw. Gegenstände wie Tische, Stühle oder Gesichter, die auch wieder durch Neurone repräsentiert werden können. An einer simplen Repräsentation wie einem Tisch oder Stuhl sind wahrscheinlich schon tausende von Nervenzellen beteiligt. Und aus den verschiedenen Gegenständen, Gesichtern und Umgebungen werden Situationen, die rasend schnell vom Gehirn analysiert und bewertet werden. Und so gibt es zu jeder Situation auch eine bestimmte Ausstattung an Emotionen und Gefühlen.

Das hat für unsere  Wahrnehmung Konsequenzen. Denn wenn wir bestimmte Dinge zusammen wahrnehmen und erleben, dann werden Sie auch zusammen gespeichert. Haben wir an einem Ort im Park ein schlechtes Erlebnis, so wird im Kopf dieser Ort sehr wahrscheinlich negativ belegt sein. Haben wir auf der Arbeit negative Erfahrungen, dann passiert das gleiche. Wir können aber auch positive Erfahrungen machen, und die Umgebung dazu wird positiv assoziiert.

Für die Führung ergibt sich hier eine wichtige Frage: „Wollen wir die Arbeit zu einem Ort der positiven Gefühle oder der negativen Gefühle machen“? Und wenn wir Sie zu einem Ort der positiven Emotionen machen wollen, – wie machen wir das?

Literaturverzeichnis

Baer, M., 2015. Neuroscience: Exploring the Brain. 4 Hrsg. s.l.:Lippincott Williams&Wilki.

Davidson, R., 2016. The Emotional Life of Your Brain. s.l.:Goldmann.

Drevets, W. C., 2008. The Subgenual Anterior Cingulate Cortex in Mood Disorders. CNS Spectr, 13 8, p. 663–681.

Grawe, K., 2004. Neuropsychotherapie. s.l.:Hogrefe.

Hebb, D., 1949. The organization of behavior. A neuropsychological theory. s.l.:Erlbaum.

Kandel, E., 2006. Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes.. s.l.:Siedler.

LeDoux, J., 2001. Das Netz der Gefühle. s.l.:Deutscher Taschenbuch Verlag.

Maguire, E. A., 2011. Acquiring “the Knowledge” of London’s Layout Drives Structural Brain Changes. Current Biology, 20 12, p. 2109–2114.

S., H.-H., 2009. Equal numbers of neuronal and nonneuronal cells make the human brain an isometrically scaled-up primate brain.. J Comp Neurol., 10 Apr , pp. 532-41.

Squire, L., 2009. The legacy of patient H.M. for neuroscience. Neuron , 1, pp. 6-9.

Das Geheimnis des Unterbewussten

Ich habe letzte Woche ein Seminar zum Thema Neuroleadership gehalten. Während des Seminars erzählte ein Teilnehmer eine interessante Geschichte. Er ist Führungskraft und an dem Wohlergehen seiner Mitarbeiter sehr interessiert. So ging es auch der ganzen Abteilung, denn als vor einem Jahr Probleme auftauchten, fragte man die Mitarbeiter, was ihnen den in Zukunft helfen würde. Das Ergebnis waren regelmäßige Supervisionen mit der Abteilung. Die wurden auch zügig angesetzt. Nur leider meldete sich kaum jemand zu diesen Terminen an. „Was sollen wir denn da?“ fragten die Mitarbeiter oder sagten „Das wird nichts bringen“. Die Führungskräfte hinterließ diese Situation etwas frustriert, denn man hatte doch das getan, was die Mitarbeiter sich wünschten.

Unterbewusstsein und Bewusstsein kennen sich kaum

Die Geschichte spiegelt wieder, was sich in unserem Kopf abspielt. Dort haben wir den Kortex, der direkt unter unserer Schädeldecke liegt und darunter ganz viele verschiedene weitere Strukturen wie die Basalganglien oder den Gyrus cinguli. Auch das limbische System ist hier verortet. Über die Vorgänge im Kortex können wir Bewusstsein erlangen, also wissen was dort gerade geschieht (wir müssen nicht und wissen auch nicht über alles Bescheid). Die Strukturen darunter sind unserem Bewusstsein nicht zugänglich. Wir haben keine Ahnung, was dort alles vor sich geht. Dort werden Entscheidungen getroffen, Glücksgefühle ausgelöst, Ängste und Sorgen generiert und Routinetätigkeiten gesteuert. Im Unterbewusstsein sind auch die wichtigen Triebfedern unseres Lebens, unsere Bedürfnisse, lokalisiert. Die wollen manchmal (oder auch oft) ihr Recht und forcieren Handlungen, die nicht zielführend oder klug sind. Das können Drohungen sein, als Abwehr von Angriffen auf unseren Selbstwert, oder wüstes Schimpfen, weil wir die Kontrolle über unser Leben zurück haben wollen. Es gibt tausende von Möglichkeiten. Die Gründe für unsere Handlungen liegen jedoch im Dunkeln (im Unterbewusstsein). Wir wissen nicht, warum wir das ein oder andere machen.

Werden wir gefragt, warum wir dies oder das getan haben geht diese Frage an unser Bewusstsein. Denn das sollte es ja wissen. Doch das Bewusstsein hat keinen Zugriff auf unser Unbewusstes und das, was uns zu dieser Tat veranlasst hat. Es weiß nicht, warum wir so gehandelt haben und nicht anders. Die Frage bringt das Bewusstsein in Zugzwang. Wir brauchen doch einen guten Grund! Weil es den nicht kennt, erfindet es etwas, das plausibel erscheint. Das muss mit der Wirklichkeit und den wirklichen Auslösern jedoch nichts zu tun haben. Doch es wird gesagt und ist damit in der Welt. Wir handeln und rationalisieren unsere Taten später. Aber das mit voller Überzeugung.  

Wir rationalisieren was wir nicht wissen

Wenn wir damit die oben erwähnte Situation erklären wollen, so hat sich bei den Mitarbeitern folgendes abgespielt: Sie fühlten sich nicht gut, weil einige ihrer Bedürfnisse nicht befriedigt waren. Werden ständig und in großem Umfang unsere Bedürfnisse missachtet, führt das zu einer Unzufriedenheit. Werden dann die Mitarbeiter nach den Gründen gefragt, kann das Bewusstsein nichts dazu sagen, denn das Unwohlsein kommt ja aus dem Unterbewusstsein. Jetzt muss man aber was sagen, und man nimmt das Erstbeste was einem in den Sinn kommt und logisch klingt. Das sind ganz häufig Kommunikation und an zweiter Stelle Wertschätzung.

Fragt man die Mitarbeiter, was genau an der Kommunikation oder der Wertschätzung nicht stimmt, dann kommen keine klaren Aussagen. Weil, man es nicht weiß. Vielleicht kann man sich auch da etwas aus den Fingern saugen, aber auch das hat wenig mit den wahren Gründen zu tun. Wenn man diese Aussage für bare Münze nimmt und daran arbeitet, sitzt man einer Fehlinformation auf. Das ist tragisch, denn man verliert sehr viel Zeit und erhöht das Frustpotential auf beiden Seiten. Um es deutlich zu sagen, keiner macht das absichtlich und niemand hält sein Unbewusstes vorsätzlich zurück. Es passiert einfach.

Das Thema Zukunft umgeht Rationalisierungen

Sinnvoll wäre es in dieser Situation einfach mal über die Zukunft und die Wünsche für die Zukunft zu reden. Da kommen meist Vorschläge heraus, die den Mitarbeitern besonders wichtig sind und sie auch glücklich machen würden. Erstaunlicher Weise kann der Kopf diese Vorstellung recht konsistent entwickeln. Das Bewusstsein steuert die Vorstellung und das Unterbewusste das Gefühl dazu. Bei einer schönen Vorstellung beschleicht einen ein großes Glücksgefühl. Das kann man anstreben und einen Aktionsplan machen, wie und wann man was machen möchte.

Das geht jedem so. Wir alle können uns von diesem Prinzip nicht frei machen. Wir alle neigen zu Rationalisierungen, die mit der inneren Realität nichts zu tun haben. Unser Bewusstsein verbirgt das aber sehr geschickt vor uns. Es macht uns das Problem nicht bewusst, sondern gaukelt uns seine Realität vor.

Die Problematik ist meist nicht bewusst

Das Problem ist nicht erst jetzt erkannt. Schon während der ganzen Menschheit merkten schlaue Leute, das unsere Erklärungen und unser Ratio häufig recht mangelhafte Erklärungen anbietet. Mein Lieblingswissenschaftler ist Siegmund Freud, der sich sein ganzes Leben mit dem Unterbewusstsein befasste. Manche seiner Schlussfolgerungen sind sicherlich etwas obskur, aber die Idee, das viele der Probleme und psychischen Krankheiten im Unterbewusstsein begründet sind, hat er klar herausgearbeitet. Und dass wir nicht einfach an das Unbewusste herankommen, hat er auch gezeigt. Der ganze Berufsstand der Psychologen und Psychotherapeuten beruht letztlich auf dem Umstand des Unterbewusstseins und der schlechten Zugänglichkeit.

Ich bemerke die Problematik bei mir immer dann, wenn mich jemand nach einer Rechtfertigung fragt. „Warum hast du dies oder jenes gemacht?“. Dann muss ich erst einen Augenblick überlegen und dann kommen mir verschiedene Begründungen in den Sinn. Ich nehme die, die mir am plausibelsten erscheint. Schon während ich es sage, bemerke ich, das die Begründung meinem Anspruch selbst nicht standhält. Aber dann ist es schon gesagt. Und ich fange an, das Gesagte zu verteidigen. Eine Situation in der man sagt „einfach öfter mal den Mund halten“.

Firmen kostet das Unterbewusste Geld und Nerven

In Firmen führt das zu Situationen, die Zeit und Energie kosten. Wie häufig wird etwas gesagt, weil man den anderen nicht leiden kann oder man sich angegriffen fühlt. Ich sage mal, man ist emotional dagegen, die sachlichen Gründe muss das Gehirn noch konstruieren. Und die werden dann verteidigt und ewig lang diskutiert. Ich habe oft das Gefühl, das Diskussionen über Sachthemen sehr emotional geführt werden und das es um etwas anderes geht. Die ganze Aufregerei über Kleinkram kommt mir da in den Sinn. Die bemerke ich auch bei mir selbst. Hab ich mich doch tatsächlich neulich aufgeregt, weil ein Trinkglas kaputt ging.  

Bewusstsein übers Bewusstsein schaffen

Erst ein Meta-Bewusstsein (Bewusstsein über mein Bewusstsein) macht mir klar, dass mein Bewusstsein nicht alles weiß. Wie komme ich daran? Ich glaube, es gibt verschiedene Möglichkeiten. Einen Psychologen des Vertrauens zu kontaktieren, und mit ihm das Unbewusste zu erforschen ist eine Möglichkeit. Ich habe auch die Möglichkeit über mein Gefühl zu ergründen, was mein Unbewusstes denn will. Ein erfülltes Bedürfnis löst bei mir gute Gefühle aus, ein unerfülltes Abwehr und Angst. Ein Verständnis meiner Bedürfnisse ist sehr hilfreich. Jedes Angst und jedes Glücksgefühl bringt mich dann näher zu meine Bedürfnisse und zu mir selbst. Ja, ich weiß, das kann auch in die Hose gehen, weil ich interne Konflikte habe oder vor lauter Angst meine Bedürfnisse nicht zugebe. Und man kann seine Entscheidungen und Begründungen einfach öfter mal in Frage stellen. Das führt bei mir dazu mir einzugestehen, das ich oft Sachen mache, die nicht clever sind und die ziemlich dämlich waren. Und das fördert die Demut; vielleicht brauchen wir davon ja etwas mehr. 

Werde ich mein Unbewusstes je ergründen können? Ich glaube nicht, aber jedes bißchen mehr Bewusstsein erhöht mein Glücksgefühl und meine Zufriedenheit. Deshalb ist jedes Stückchen mehr Wissen über mich selbst, ein gutes Gefühl.

Viel Erfolg und viel Spaß beim Kennenlernen!

Markus Ramming

„Eine Welt“ im Kopf

In der Schule kommt man schon früh mit der Theorie von Darwin in Kontakt, die ein „survival of the fittest“ postuliert. Sie beschreibt, wie die Entstehung der Arten in der Vergangenheit abgelaufen sein könnte. Häufig wird aus der Theorie die Ableitung „der Stärkere gewinnt“ (und es gibt sogar den Begriff „Sozialdarwinismus“), obwohl Darwin das gewiss nicht so gemeint hat. So rechtfertigt die Theorie Machtstreben, Egoismus und Härte gegenüber anderen. Statt nur auf die Entstehung der Arten, wendet man die Theorie auf das Miteinander und das Zusammenleben an.

Ich kenne keine Untersuchung die beschreibt, welche Auswirkungen die Theorie auf die Entwicklung unserer Welt und Gesellschaft hatte. Aber die Idee, das Leben Kampf ist und der Bessere gewinnt, ist in vielen Köpfen die vorherrschende Weltsicht. „Durchsetzen“ als das einzige wichtige Prinzip darzustellen, das unser Überleben sichert, halte ich für problematisch. Wenn Kampf und Gewinnen das Einzige ist, das uns vorwärts bringt, wird jeder zu meinem Gegner. So wird „sich durchsetzen zu müssen“ zu einem vorherrschenden Prinzip. Es ist im Kopf und in unserer Gesellschaft immer präsent. Je häufiger wir etwas bedenken und besprechen, je fester wird dieser Gedanke in unserem Kopf. Die Denkweise wird ein Bestandteil unseres Lebens und nach ein paar Jahrzehnten zu einem Bestandteil unserer Kultur.  

Mir wiederstrebt dieser Gedanke. Darwin war sich nicht sicher, dass seine Theorie allein die Entstehung der Arten erklärt. Da war er sehr ehrlich und durch und durch Wissenschaftler. In der Natur können wir beobachten, dass sich Arten in bestimmten Umwelten durchsetzen, weil Sie besser angepasst sind. Aber das ist nicht das einzige Prinzip des Zusammenlebens. Es gibt auch Empathie und Selbstlosigkeit, als Grundlage für funktionierende Gruppen und Teams. Empathie bezeichnet laut Wikipedia die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden. Wir Menschen haben das Potential, diese Fähigkeit zu entwickeln. Wenn wir Empathie jeden Tag gebrauchen, vergrößern wir sie. Nutzen wir sie täglich, wird sie jeden Tag etwas ausgebaut.

Wir Menschen haben ein System im Kopf, das uns befähigt mit anderen Menschen mitzufühlen und uns in sie hinein zu versetzen (Spiegelneuronen und Mentalizing-System). Das hilft uns, zu erkennen wann es dem anderen schlecht geht, er sich gut fühlt oder traurig ist. Es ist Voraussetzung für Hilfe, die wir anbieten oder leisten können. Nur wenn wir die Not des anderen erkennen, so können wir auch etwas tun. Menschen, denen dieses System fehlt oder bei denen es unterentwickelt ist, können keine intensiven Beziehungen eingehen. Wir erleben diese Menschen als abwesend und in einer anderen Welt.

Man hat erst vor ein paar Jahren festgestellt, dass Kinder Empathie schon sehr früh erleben. Die meisten Kinder im Alter von 1-2 Jahren helfen selbstlos, wenn andere in einer Notlage sind. Sogar Kinder, die erst ein paar Monate alt sind, fühlen mit anderen mit. Empathie stellt einen wichtigen Teil des menschlichen Lebens dar. Als eine wichtige Erkenntnis aus den verschiedenen Veröffentlichungen über Kinder und Empathie komme ich zu dem Schluss: Kinder können Empathie früher als „Durchsetzen“. Damit ist Empathie wichtiger als viele andere Fähigkeiten.

Ein Grund für die Entwicklung der Empathie könnte das Glück sein, das man empfindet, wenn man in gesunden Beziehungen mit Freunden oder Partnern ist. In jeder Beziehung werden Glückshormone ausgeschüttet. Mittlerweile ist es erwiesen, dass empathische und dadurch auch altruistische Menschen glücklicher sind als der Rest der Welt. Glücksforscher betonen unablässig, dass Freunde und Beziehung der wichtigste Bestandteil für das Glück ist. Das ist erstaunlich, weil man doch bisher davon ausging, dass Bedürfnisbefriedigung der wichtigste Teil des Glücks und der Zufriedenheit ist. Dies muss jedoch wohl, um den Faktor Liebe und Altruismus ergänzt werden.

Beziehungshormone haben einen hemmenden Einfluss auf die Amygdala und den Thalamus und damit auf unsere Ängste. Das kann man auch in Experimenten mit Rhesus-Äffchen gut zeigen. Allein haben diese kleinen Äffchen panische Angst vor Hunden. Selbst wenn sie im schützenden Käfig sind und der Hund sich davor befindet verfallen sie in angsterfülltes Gekreische. Ist jedoch ein Freund (also ein anderes Rhesus-Äffchen) dabei, ist die Angst wie verflogen. Geht mir genauso. Wenn ich in Panik bin, und ein Freund ist dabei, werde ich automatisch ruhiger.

Empathie verhilft uns auch zu einem evolutionäreren Vorteil. Gruppen, in denen sich die Menschen mögen, sind kreativer und leistungsfähiger als solche, die sich nur streiten. Und in der Tat kann man verschiedene Formen des Zusammenlebens simulieren. Leben altruistische und egoistische Personen zusammen, so werden die Altruisten ausgenutzt und die Egoisten behalten die Oberhand. Das spricht für das Prinzip „Durchsetzen“. Leben jedoch Altruisten in einer Gruppe zusammen, so hat diese Gruppe Vorteile gegenüber einer Gruppe von Egoisten. Die Altruisten setzen sich mühelos durch. Weil die Mitglieder sich untereinander helfen und sich stärken. Weil sie füreinander da sind und sorgen.

Evolutionär gesehen, haben sich also Gruppen mit einem starken Zusammenhalt gegen solche durchgesetzt, die egoistische Einstellungen hatten. Und ein kurzer Blick in die Geschichte läßt diese Idee durchaus plausibel erscheinen. Gruppierungen waren immer dann besonders erfolgreich, wenn sie einen starken Zusammenhalt hatten. Empathie stärkt die Gruppe und das Team.

Doch auch empathische Menschen empfinden Wut und Aggression, wenn ihre Gruppe angegriffen wird. Man hält automatisch zu seinen Gruppenmitgliedern und kämpft gegen die andere Gruppe. Beide Prinzipien gehen Hand in Hand. In der Gruppe Empathie und gegen andere Gruppen „durchsetzen“.

Da kommt einem der Gedanke, wie es wäre, wenn alle Menschen der Welt nur eine Gruppe darstellen würden. Wie wäre es, wenn wir alle Menschen zu unserer Gruppe „die eine Welt“ zählen würden. Dann könnte man Empathie und Mitgefühl für jeden haben und wir müssten uns nicht durchsetzen. Es ist keine andere Gruppe da. Aber dies ist natürlich eine Sichtweise, die erlernt und im Kopf verankert werden muss. Von einigen Meditationsprofi‘s habe ich mitbekommen, dass sie versuchen, alle Menschen als dieser Welt zugehörig zu betrachten und Ihnen aufrichtiges Mitgefühl zukommen zu lassen. Das ist auch meine Vision von der Welt. Wir sind eine Welt und arbeiten zusammen für ihren Erhalt und ihre Entwicklung. Wenn wir uns dabei als eine Gruppe und eine Welt verstehen, können Empathie und Selbstlosigkeit aufblühen und alle hätten davon Vorteile.

Aber ich gebe offen zu, ich empfinde nicht immer und für jeden ein solches Mitgefühl. Manchmal könnte ich den ein oder anderen schütteln und rütteln. Offensichtlich habe ich auch im Laufe des Lebens viel „Durchsetzen“ gelernt. Doch ich merke auch, das Training hilft. Zum einen beeindrucken mich diese liebevollen und empathischen Mönche die seit vielen Jahrzehnten jeden Tag stundenlang meditieren. Irgendwie kommt bei denen das Mitgefühl aus jeder Pore des Lebens raus. Und zum anderen merke ich, dass jede Beschäftigung mit den Gefühlen des anderen mich ruhiger und mitfühlender macht. Wir können unsere Empathie vergrößern und trainieren. Deshalb wurde auch schon öfters ein Empathie-training an unseren Schulen gefordert. Das wäre bestimmt ein gutes Gegengewicht zu dem Prinzip „Durchsetzen“.